Der kleine Vampir
Über Bord

Schittwetter zum Frühstück. Was für ein Scheiß, Muttern. Ich kann nicht mal das andere Ufer sehen.
Dann lass uns doch liegen bleiben. Die Welle läuft nach West, da kann uns hier nix passieren. Wir legen nach vorn und hinten den Anker raus und werden wenigstens nur von oben nass. Mein Ölzeug ist übrigens viel zu groß. Ich muss sogar die Kapuze umkrempeln.
Nein, vergiss es. Der Wind dreht über Nacht. Sie haben für morgen Sturm aus West angesagt. Wir müssen heute hier weg. Ich mach schon mal die Schoten klar.
Na gut, wie du meinst. Aber schreib bitte ins Logbuch, dass ich dagegen war. Von wegen, morgen kommt Sturm. Guck dir das Wasser dahinten doch an. Der Wind schiebt den Schaum schon quer zur Welle.
Das is mindestens ne Sieben.
Freu dich, dann geht es um so schneller nach Hause. Wenn wir die Fock und das Großsegel aufziehen, dauert es keine zwei Stunden, bis wir drüben sind. Vielleicht geht sogar der Spinnacker. Wir haben ja den
Wind von Achtern. Kann’s losgehen? Ich bin fertig. Schau mal, die neuen Bändchen an den Wanten sind prima Windanzeiger. Fast so gut, wie der Verklicker auf dem Mast.
Du bist verrückt, Vattern. Ich glaub, du vergisst die Steinwiese. Maximal Halbwind und hart dran. Du musst drum rum kreuzen. Die Bojen sind nicht umsonst ausgelegt. Quer drüber geht nicht. Das haben schon flacherer Boote ohne Kielschwert versucht und sind aufgesetzt.
Muttern. Vertraust du deinem Käpt‘n nicht?
Solange du weißt, was die Aufgabe eines Kapitäns im Notfall ist, ist alles gut. Schieb mal den Tweidel rüber. Hier steht bisschen viel Wasser am Schwertkasten. Hast du die Lenzklappe schon aufgemacht, bevor wir überhaupt in Achternfahrt sind? Mann, Vattern. Was für ein Käpt’n bist du denn?
Dafür hab ich die Stauraumklappen alle dicht gemacht. Die neben dem Ruderkasten war nämlich noch offen.
Was du nicht alles siehst, Vattern. So, gib mal Kommando. Soll ich das große Vorsegel ausrollen oder lieber die kleine Fock aufziehen? Du willst sicher mit vollem Großsegel fahren, oder willst du reffen?
Nee, latt man. Wir fahren erst mal los. Je eher wir wegkommen, desto besser.
Wie du meinst, Schatz. He, warte! Das Vorstag klemmt. Irgendwer hat da ein Bändchen dran gebastelt, das nach unten gerutscht ist. Ich will ja keinen anschauen, ne Vattern?! Und ich hab wieder die Kletterei. Mist! Und die abgebrochenen Fingernägel. Das ist das letzte Mal, dass ich dein Fockaffe bin. Nächstes Mal will ich Großschoter sein.
Ha, das will ich sehen! Du hast überhaupt nicht genug Kraft, um das Großsegel aus der Hand zu fahren.
Muss ich auch nicht. Rutsch mal ein Stück zur Seite. Guck hier. Ich klemm das Seil einfach in die Winsch und schon kann ich dir mit der freien Hand zeigen, wo es lang geht. Wo ist eigentlich die Spitzenboje? Ich kann die Boje von der Steinwiese nirgends sehen, Vattern.
Ganz ruhig, Muttern. Ich hab alles im Griff. Bei so einem böigen Wind wie heute kann man die Schoten nicht festlegen. Du musst immer bereit sein. Besonders wenn wir hart am Wind fahren und noch mehr, wenn wir so viel Fahrt drauf haben wie jetzt. Der Ruderdruck ist so groß, dass mir die Heckwelle fast ins Boot kriecht. Was meinst du, wieviel Knoten wir machen? Dreizehn, vierzehn? So viel hatten wir noch nie mit der Jolle. Achtung, Muttern, das wird ne heftige Bö! Nimm die Vorschot in die Hand und hoch mit dir, auf die Kante! Ahh, autsch, tut das weh. Ich hätte Handschuhe gebrauchen können. Lass die Fock nach, Muttern. Da muss mehr Bauch ins Segel, sieh dir die Bändchen an. Achtung, noch eine Bö! Aua, Scheiße! Was war das? Komm zurück ins Boot, Muttern, schnell.
Was war das, Vattern? Das hat richtig geknallt. Nicht, dass unser Ruder gebrochen ist!
Nee, mit dem Ruder ist alles in Ordnung. Die Pinne reagiert immer noch. Aber die Latte im zweiten Reff ist kaputt. Schau, da oben. Schnell, holen wir das Segel runter, bevor das Holz die Tasche durchstößt und unser Segel zerreißt. Das hat gerade noch gefehlt. Ich stell uns in den Wind.
Ha, was ist das? Vattern, da knirscht noch was anderes. Und wieso kann die Möwe da auf dem Wasser stehen? Oh nein, Vattern. Wir sind aufgelaufen! Wir sitzen auf der Steinwiese fest. Mal sehen, ob ich uns mit dem Paddel … Uups. Abgerutscht. Tschuldigung. Guck nicht so! Ich geh schon, hier ist es ja eindeutig flach. Nass bin ich ja auch schon überall.
Ja, genau! Und ich erfülle jetzt meine Kapitänspflicht und sende unser offizielles Notsignal wegen Mann über Bord!
Gleiswechsel
Der Wind spielt mit meinem Haar und dem offenen Mantel, während ich auf den Sechs-Uhr-Zug warte und so tue, als würde ich nicht bemerken, wie die umstehenden Männer unter dem eng anliegenden Stoff meines Kleides nach den feinen Linien von BH und Slip suchen, die sich dort abzeichnen müssten. Auch mit 47 Jahren kann ich es mir leisten, auf diese Streifen zu verzichten.
Der Zug kommt und wir steigen ein. Ich setze mich ans Fenster, mir gegenüber eine junge Frau vom Typ Nathalie Portman. Sie schiebt ihre Lederjacke von den Schultern und klappt ein Buch auf.
Ich hoffe, sie bekommt nicht mit, wie ich sie anstarre. Obwohl ich mit Pinsel und Farbe nicht umgehen kann, drängt es mich plötzlich, sie zu zeichnen. Mit einem harten Stift ihre Konturen nachzuziehen und mit Fingern und Spucke zu verwischen, bis mir der Mund trocken wird. Ihre schlanken Beine, die runden Hüften und die schmale Taille einer Tänzerin.
Fasziniert beobachte ich, wie die sahnige Haut über ihren Brüsten sich beim Atmen hebt und senkt. Die Nervenenden in meinen Fingerkuppen vibrieren vor Spannung und auf einmal schmecke ich den Hauch von Zimt und Zitrone auf meiner Zunge. Die Duftspur führt zu ihr.
Als Künstlerin dürfte ich herausfinden, wonach ihre Haut sich anfühlt: nach glattem Marmor oder warmer Vanillecreme?
Für einen Moment schließe ich die Augen und atme tief ein, horche auf die Schienenschläge unter mir, deren stummer Rhythmus sich auf mich überträgt.
Ein leises Kichern lässt mich neugierig zu meinem Gegenüber schauen. Ihre Augen, in denen das Wesen einer Nixe lauert, erforschen mich. Mal grün, mal blau schimmernd wandert ihr Blick in meinem offenen Mantel abwärts.
Gebannt verfolge ich, wie sie dabei eine Strähne ihres Haars nach vorne zieht und über ihre Lippen streichen lässt. Mein Mund prickelt und öffnet sich etwas, als sie den kitzligen Reiz von ihren Lippen leckt.
Von einer FRAU so angesehen zu werden ist neu für mich. Ich fürchte und genieße ihren Blick. Spüre, wie sich das Blut in meinen Brustwarzen sammelt und sie gegen den weichen Stoff des Kleides drückt. Der Platz, auf dem ich sitze, scheint sich aufzuheizen.
Nathalie rutscht ein Stück vor, bis unsere Knie sich berühren. Im Reflex zuckt mein Bein zur Seite, was ihr ein Lächeln entlockt. Sie neigt ihren Oberkörper zu mir und legt ihre Hand leicht auf meinen Schenkel.
Heiß auf kalt. Der Temperaturunterschied unserer Hautflächen entfacht einen Sturm in meinen Adern. Das wilde Rauschen weckt den Wunsch, die Kleidung auf meinem Körper gegen ihre Hände zu tauschen.
Stattdessen ziehe ich meine Arme um mich und starre auf die flachen Kuhlen an ihrem Hals, in denen ich ihren Pulsschlag zu sehen glaube. Mein Herz pocht so stark, dass ich es festhalten muss.
„Entschuldigung“, sagt sie im Aufstehen, nimmt Buch und Jacke.
Noch nicht meine Station.
„Na, dann …“ Sie lässt den Satz offen. Im Vorbeigehen streift sie meine Schulter und Zimtduft dringt mir in die Nase. Ich schlucke, um meine Zunge vom Gaumen zu lösen.
Wie von selbst sucht meine Hand nach der Stelle auf dem Bein, die noch warm ist von ihrer Berührung. Es hat sich verdammt gut angefühlt. Zufall? Plötzlich springe ich auf und folge ihr.
Lesen, lesen, lesen.
Das zumindest ist der häufigste Ratschlag für Ideensucher. Wenn das heimische Bücherregal nicht mehr ausreicht, hilft die Bibliothek. Für Leute wie mich, die jedes Buch wie ein Lehrbuch mit eigenen Notizen versehen, muss es ein Exemplar aus der Buchhandlung sein. Da sind gute Beziehungen zu einem Lieblingsbuchladen nützlich: https://www.genialokal.de/buchhandlung/potsdam/
Natürlich gilt genauso die Devise: gelesen-gesehen-gehört. Was es als Buch gibt, kann manchmal als Film ganz anders wirken, besonders, wenn der Film durch die Musik eine prägnante Verbesserung erfährt oder sogar nur deshalb produziert wird. Deshalb Ohren auf bei der Musikwahl im Schreibprozess. Ich mag gerne die positive Grundstimmung des Soundtracks von „Greatest Showman“. Für Täterszenen im Thriller höre ich gern Michael Jackson (Warum wohl?). Wenn ich aber noch gar nicht weiß, wo ich hinschreiben will, ist etwas Leises im Hintergrund hilfreicher: maltestageblog.blogspot.com
Für mich unvermeidlich ist immer eine kurze Ansage, wie die Schreibregeln grundsätzlich für das geplante Werk aussehen. Dafür gibt es zum Glück Schreibcoaches, die mit Augenzwinkern ergänzen, dass man Regeln auch brechen kann. Meine ersten Übungen erhielt ich bei: bettinahampl.weebly.com
Genauso wichtig wie das Entwerfen und Schreiben allein oder zu zweit ist der Austausch in der Gruppe. Die Mitglieder meiner heimlichen Zweitfamilie reden genauso gern, viel und erfolgreich, wie sie schreiben. Schaut mal rein unter: www.carolawolff.de, www.bettinakerwien.de,www.andersalborg.de.
Lieblingszitat
Thomas Mann
„Fantasie haben heißt nicht, sich etwas auszudenken, es heißt, sich aus den Dingen etwas zu machen.“
Es ist leicht, die augenfällige Botschaft anzunehmen und damit glücklich zu werden. Es bedeutet nämlich genau das: eine Erleichterung. Man muss sich nicht wahnsinnig anstrengen, um etwas neu zu erschaffen, man kann einfach das nehmen und benutzen, was da ist.
Eine Weile reicht das und dann nicht mehr. Wenn man die Fantasie für sich gefunden hat, bedeutet es, sich VORSTELLEN zu können, was man aus den Dingen machen kann. Die Vorstellungen umzusetzen, bedeutet nicht mehr Fantasie, sondern Kreativität. Fantasie ist also der erste Schritt zur Kreativität; erst (aus)denken, dann machen.
Autorin in Spe
Die Siebziger waren eine gute Zeit, und Mecklenburg nicht die schlechteste Region, um als Autorin geboren zu werden. Zunächst zeigte sich die Liebe zur Welt der Buchstaben in hemmungslosem Lesekonsum, bevor kleine Geschichten und Gedichte das eigene Schreibgeschick auf die Probe stellten. Wettbewerbe reizten den Ehrgeiz, die Herausforderungen wurden größer und Bühnenerfahrung kam in Livelesungen hinzu.
Der erste Roman ist (trotz Teilzeitarbeit und Familienleben) fertig. Ein Thriller. Warum auch nicht? Die Idee für die Fortsetzung hockt in den Startlöchern, andere Großprojekte drücken die Schublade auf. Aber eins nach dem anderen, und das Leben im Land Brandenburg kommt sowieso zuerst.
Abschied von Miles
„Dreh dich um. Ich habe eine Überraschung für dich.“
Meine linke Seite wird kalt, als Miles auf dem nassen Laken zum
Nachtschrank rutscht. Noch eine Überraschung außer dem Aufwachen neben Miles? Ich höre, wie er langsam die Schublade aufzieht. Mein Kopf ist schwer vom Wein, mein Körper müde vom Sex und die träge Jazzmelodie von Gershwins Sommertime in meinem Kopf lähmt meine Muskeln. An Miles‘ breiten Schultern kann ich sowieso nicht vorbeischauen. Außerdem haben wir mit dem Zuziehen der dicken Vorhänge nur wenig reale Welt und Licht in unserem Geheimnis zugelassen.
„Hast du Angst? Vertraust du mir nicht?“, fragt der Mann, der an diesem frühen Dienstagnachmittag seine und meine Ehe ignoriert, obwohl er sonntags mit Frau und Kindern in die Kirche geht. Ob er dort um Vergebung bittet? Vergeben und vergessen? Wenn ich doch bloß schnell vergessen könnte. „Abschied von Miles“ weiterlesen
Sie und Er
Ich werde sie immer nur sie nennen. Manchmal rutscht mir vielleicht heraus, sie als junge Frau zu sehen, wobei ich sie mit mädchenhaftem Charme beschreiben möchte, aber in Wirklichkeit meine ich immer sie. Und ihn. Nur diese beiden. Und dann gibt es da noch, aber nein, diese Person ist nicht wichtig. Sie werden sehen. Es geht also um diese Zwei, sie und ihn. Sie können sich gern Namen für sie ausdenken, aber sie brauchen keine. Sie haben sich selbst welche gegeben. Doch warum fange ich nicht am Anfang an?
Es gab mal eine Zeit, in der sie Angst hatte, das Ende des gemeinsamen Projektes würde auch das Ende ihrer persönlichen Kontakte bedeuten. Nein, wir gehen besser noch ein Stück weiter zurück. Noch vor den Anfang, als keiner der beiden auch nur entfernt an einen Namen für den anderen dachte, weil sie sich erst kennen lernen mussten. Und das taten sie an einem Januartag, der den
Winter so überzeugend präsentierte, wie das im gemäßigten Klima einer Großstadt mitten in Mitteleuropa möglich war. „Sie und Er“ weiterlesen
Nach Gestern kommt Morgen
„Aufwachen, Frau Rösler. Besuch für Sie!“
Ach Gott, Besuch! Wer wohl kommt?
„Haben Sie ein Glück, gestern Ihre Tochter, heute Ihre Enkelin.“
Moment, war gestern jemand hier? Was für ein Tag ist heut? Was war gestern?
Besuch ist nicht immer nett. Manche Leute haben ein seltsames Benehmen am Leib. Oh – ein freundliches Lächeln. Hat sie gesagt, wer sie ist? Hübsche Person. So eine schlanke Figur. Ob sie je Kinder geboren hat? Ich habe! Habe ich? Ich habe doch Kinder, oder? Wo sind sie jetzt?
Ahh, das Lied kenn‘ ich. Die Frau spielt richtig gut. Wie heißt noch das Dingens? Ach komm schon, Hirn, das gibt‘s doch nicht! Ich hab’s gleich, Gitarre, na endlich! Genau so eine. Hat ich auch mal. Die hab ich überall mitgenommen. Schöne Zeit war das. Was wir alles erlebt haben!
Ostsee. Da sind wir hingefahren. Mein Bär und ich. Mit dem Rad damals. Jeden Kilometer haben wir in den Beinen gespürt. Da gab‘s, da war so eine flache Bucht, die reichte weit rum. Den ganzen Tag sind wir dortgeblieben.
Oh, das Gesicht! Wie das Gesicht gebrannt hat! Erst Wind, dann Sonne.
Wir haben Kartoffelsalat und Kuchen dabeigehabt, immer selbst gemacht. Immer, ja. So viel Aufwand und dann … Was wollt‘ ich? Verflixt! Ach, verrückt, es hat alles nach Salz geschmeckt. Wir haben die Finger saubergelutscht, und wenn man den Schweiß von den Lippen wischt, weißt, wie das juckt?
Ja, so war‘s. Faul rumliegen gab‘s nämlich nicht. Ball über‘s Netz und dieses flache Ding. Das fliegt hin und her wie – ach, egal. Was haben wir noch ge-, gespielt?
Manchmal, manchmal sind wir nach dem Baden in das kleine Zelt gekrochen. Mein Bär und ich. Zum Aufwärmen. Reißverschluss zu. Mehr sag ich nicht!
Ach, Bärchi. Wenn man einmal so liebt. Nie wieder. Nie wieder hat jemand solche Hände gehabt.
Abends, haben wir Muscheln gesammelt, die kleinen weißen. Ich hab später immer welche in den Taschen gefunden, irgendwo. Irgendwo hab ich bestimmt noch eine. Die haben hübsch ausgesehen auf unserer Kleckerburg. Ein wahres Kunstwerk, hmmh. Tropfnass muss der Schlamm sein. Mit trocknem Sand geht’s nicht. Der rieselt weg wie nix. Mir fehlt das Kitzeln unter den Füßen. Barfuß tanzen am Strand.
Und jetzt? Nebel und Staub! Ist das alles, was übrigbleibt? Keine Liebe mehr? Und was kommt morgen?
Dieses Lächeln. Was hat die Frau gesagt, wer sie ist? Sie hat so etwas Warmes in der Stimme, wenn sie singt und spricht. Wie schön jung ihre Hände aussehen! Hmm, sie riecht wie …, sie erinnert mich an, äh, an lila Blumen. Veilchen, vielleicht?
Hach, Mensch, ich kann mir einfach nix merken. Sie ist so freundlich zu mir. Sie kommt später bestimmt irgendwann in den Himmel. Ob, ob wir uns dort wiedersehen? Ob wir uns dann erkennen?
Nein, es macht keinen Spaß alt zu sein. Es bleibt so wenig bis zum Schluss. Kein Laufen mehr. Kein Tanzen am Strand. Nur noch Musik. Und dann der Traum.
Bär? Bär, bist du das? Ich freu mich auf dich.
Kein Zurück
21. Juni 1945
Die ganze Zeit, während ich mich anziehe, denke ich an den Hausschlüssel, der unten neben der Tür an seinem Platz hängt. Wie ein Kettenhemd scheuern die Schichten aus Unterhemd, kurzer und langer Bluse, Weste und Jacke auf meiner schweißnassen Haut. Das Foto meiner Freundin liegt als knittriges Schild über meiner Brust, doch es schützt mich nicht vor dem, was nun kommt. Ich schließe die Schranktüren ein letztes Mal und schaue zu Inge, meiner kleinen Schwester, die in Stiefeln und ihrem besten Kleid auf unserem Bett hockt. Seit wir aufgefordert wurden, das Grundstück zu verlassen, sieht sie das Zimmer, in dem wir groß geworden sind, nicht mehr an. Sie erträgt die leeren Bilderrahmen nicht.
„Zieh den Mantel an“, sage ich. „Außer dem Koffer darfst du nur mitnehmen, was du am Leib hast.“ Inge bläst die Wangen auf, schlingt die Arme enger um die Schultern. „Dann lege ich mir die Kaninchen als Schal um den Hals.“
Ich verstehe sie gut. Mit sechzehn Jahren hätte ich meine Wut auch nicht gebremst. Außerdem hat sie recht. Wir haben den Bombenangriff überlebt, haben ein Dach über dem Kopf mit einem Garten drum herum und Frieden vor der Tür. Wofür, wenn wir nicht geduldet werden? Wir sind hier geboren, Tetschen-Bodenbach ist unsere Heimat.
„Sie haben uns ja noch nicht mal gesagt, wo wir hinsollen.“
„Ach, Ingilein“, ich streiche ihr über das junirote Haar. Ihre zarten Locken kitzeln in meiner Halskuhle, als sie sich an mich schmiegt. „Ich suche uns ein neues Zuhause“, sage ich und atme den Duft ihrer Kopfhaut. „Eins wie hier, schöner noch. Mit größerem Garten.“
Inge schluchzt auf. „Ja, das hätte Mama gefallen.“ Stille. Ruhe wie auf dem Friedhof. Ich mag nicht daran denken, dass wir Mamas Grab nie wieder besuchen werden. Die Kette mit dem flachen Herzanhänger kratzt unter meiner Bluse.
Bedeutungsschwer ruckt der Uhrzeiger auf die Zwölf. Ich lasse Inge los, renne zum Fenster, reiße die Vorhänge zurück. Es hat keinen Sinn, so zu tun, als seien wir nicht da. Auch dann könnten wir nichts behalten. Auch dann wird eine neue Familie in unser Haus einziehen. Eine tschechische Familie. Pavel vielleicht.
Er kennt jeden Winkel von den Versteckspielen, hat mich sommers wie winters in die heimlichen Ecken des Gartens gezogen, meine Lippen brannten vom ersten neugierigen Kuss und werden nun rissig vor Sehnsucht.
Er steht neben dem Pritschenwagen, der uns zum Bahnhof bringen wird. Ich habe das Auto nicht kommen hören, so sehr habe ich mich bemüht, nichts zu hören, was diese Mauern gespeichert haben. Gleich muss ich an Pavel vorbei auf die Ladefläche steigen, werde ihn riechen, den Schweiß der Hofarbeit, der mich an andere Tage in seiner Nähe erinnert. Wie soll ich das Reißen unter meiner Haut ertragen?
Ich wische mir die Wangen trocken, drücke Inge fest an der Schulter und gehe mit meinem Pappkoffer langsam hinaus. Hinter mir höre ich, wie Inge den Mantel über die Jacke zieht, sich nach ihrem Koffer bückt und mir folgt.
Der Schlüssel zum Haus hängt noch an seinem Haken.