Das Geschenk
Morgenstunde
Rosalie
In zwei Stunden wird der Wind die traurigste Version von Yesterday auf den Cellosaiten spielen, die aus dem grauen Himmelsfilz zur Erde wachsen. Die Decke, in die Rosalie dann gehüllt ist und die sie jetzt noch zusammengefaltet unter dem Arm trägt, wird sie nicht wärmen. Auch nicht die Turnschuhe, die an den Schnürsenkeln zusammengebunden zwischen ihren Fingern im Rhythmus ihrer tanzenden Schritte baumeln und den blauen
Rand ihres schwingenden Sommerrocks mit der hellen Staubspur des
Feldweges markieren, den sie in den letzten Wochen zum See genutzt hat. „Rosalie“ weiterlesen
Auf dieser Seite stelle ich Kurzgeschichten und Szenen vor, die entweder Kurs-Hausaufgabe im Beschreiben waren Das Geschenk, Das Vorbild oder sich bei der jährlichen Tegeler Schreibwerkschau vor Publikum bewährt haben Gleiswechsel, Nach Gestern kommt morgen, Kein Zurück.
Deswegen gibt es die Texte auch als Hörversion unter Zu(m)Hören.
Seit Oktober 2021 gibt es außerdem eine „Kleine Werkschau“ mit einer Auswahl von Kurzgeschichten und Gedichten, Lyrik und Prosa im Mix ergänzt mit Fotografien, in einem handlichen 51-Seiten Heft A5. Siehe auch im BLOG Eintrag unter dem 16.10.2021.
Das Vorbild
Die Tür des Hörsaals öffnet sich und eine Gruppe von drei Männern und zwei Frauen fädelt sich zu den Plätzen zwischen Tafel und Dozentenpult ein. Ich erkannte ihn sofort, obwohl das Autorenbild nach meiner Meinung retuschiert worden war.
Zu der Abbildung auf der Buchrückseite bestand nur eine scheinbare Ähnlichkeit. Dieses Gesicht lebte. Weit entfernt von der freundlichen Schablone auf dem Pappdeckel atmete es Erfahrungen aus, die sich nur schwer in 67 Jahre menschlicher Existenz pressen lassen. Es erzählte von Sonnentagen ohne Schutz und Gnade und Nächten voll Arbeit. Auf Stirn und Wangen hatten Leid und Trauer ihre Spuren eingegraben und dazu viel Gelegenheit gehabt. Gegen Wind und Staub kniff er die Augen noch immer zusammen. Darunter hatte der Schlaf, den er seinem Körper verweigerte, sich Taschen gesucht und die Haut gedehnt.
Jetzt verzog sich sein Gesicht zu einem Lächeln, bei dem er selbst nicht sicher zu sein schien, ob es angebracht war angesichts der Buchvorstellung über einen nach westlicher Anschauung unnötigen, aber nicht weniger unerbittlich geführten Krieg.
Ich stieß den angehaltenen Atem aus, senkte den Blick auf meine Notizen und überlegte, mit welcher Frage ich die Aufmerksamkeit meines Idols auf mich lenken und einfangen konnte. Mir war bewusst, dass der Stift, mit dem ich auf meinen Block klopfte, in seiner Hand ein Schwert wäre.
Gedichte waren meine erste Liebe.
Noch bevor ich lesen konnte, habe ich gereimt. An sich ist das nichts Außergewöhnliches, denn üblicherweise bekommt – oder vielleicht sollte ich sagen – bekam man den Stift erst in die Hand, wenn man sich durch Reden als der Sprache Herr gezeigt hat. Bei neunmalklugen Quasselstrippen ergibt sich dann zwangsläufig das ein oder andere gereimte Ende, einfach so, um überhaupt mal einen Punkt setzen zu können. Außerdem helfen Reime, sich Dinge zu merken. So lebenswichtige Regeln wie „Bei Rot bleib stehen, bei Grün kannst‘ gehen“ oder Flirttechniken wie „Mein rechter, rechter Platz ist leer, ich wünsche mir den Peter her“. Mit so einer knappen Aussage kommt man auch schnell auf‘s Wesentliche.
Es gibt also gute Gründe für Gedichte, auch für solche, die sich reimen. Ich glaube, keiner davon war Anlass für mich, mit dem Dichten anzufangen. Vielmehr wollte ich einer geliebten Dichtergröße nacheifern, meiner Großmutter. Die meisten meiner Gedichte hat sie nie gesehen und würde sie auch jetzt nicht lesen. Sie war immer der Meinung, dass ein Gedicht, mehr als andere Literatur, am meisten Wirkung durch den Vortrag erhält. Ein Argument, dass nicht nur durch die Weisheit des Alters Gewicht hat.
Meine Gedichte habe ich deswegen ausnahmslos als Hördatei eingestellt Zu(m)Hören. Ich hoffe, es gefällt euch.