Das Geschenk

Es schien, als sollten seine Augen an diesem Abend die Grenzen ihrer Dehnbarkeit erfahren. Benny hatte keinen Blick übrig für die Hände, die ihm das Paket reichten. Ein Paket, das seine Arme kaum umfassen konnten. Trotz der wenigen Jahre, die er zählte, erschien ein Falte zwischen seinen feinen Augenbrauen, als er sich anschickte, das Geschenkband auf zu knoten. Nicht links, nicht rechts schaute er nach Schere oder Messer, die der Bruder ihm leichtfertig hinhielt und schob auch sonst jede fremde Hand beiseite.

Stattdessen nahm er die Zungenspitze zu Hilfe, die zwischen den Mundwinkeln umher huschte, als würde sie die Zusammenarbeit der Hände beim Auspacken koordinieren. Das Rosa seiner Wangen wuchs zu fiebrigem Glühen, dessen Hitze ich fast von meinem Platz aus noch wahrnehmen konnte. Ich begann, mich um seine Unterlippe zu sorgen, die immer wieder von den spitzen Zähnchen eingeklemmt wurde. In tiefer Konzentration wischte Benny mit dem Pulloverärmel so oft über die Stirn, dass sich die Haare auf- und niederlegten wie der Voltanzeiger in einem Spannungsmessgerät.

Endlich war der Moment da. Er öffnete das Papier, strich es zur Seite glatt und wie die Falten der Verpackung verschwand jedes Kräuseln auf seiner Stirn. Aus den Tiefen seiner Brust machte der Jubelschrei sich Platz, kühlte im Hinausziehen die Lippen, denen das stete Kauen und Drüberlecken ein schmerzhaftes Lippgloss verliehen hatte. Benny riss den Karton vom Tisch und presste ihn an seine Brust.

 

Testbeitrag für unerhört

Weit hinten, hinter den Wortbergen, fern der Länder Vokalien und Konsonantien leben die Blindtexte. Abgeschieden wohnen sie in Buchstabhausen an der Küste des Semantik, eines großen Sprachozeans. Ein kleines Bächlein namens Duden fließt durch ihren Ort und versorgt sie mit den nötigen Regelialien. Es ist ein paradiesmatisches Land, in dem einem gebratene Satzteile in den Mund fliegen. Nicht einmal von der allmächtigen Interpunktion werden die Blindtexte beherrscht – ein geradezu unorthographisches Leben.

Morgenstunde

Eines Tages aber beschloß eine kleine Zeile Blindtext, ihr Name war Lorem Ipsum, hinaus zu gehen in die weite Grammatik. Der große Oxmox riet ihr davon ab, da es dort wimmele von bösen Kommata, wilden Fragezeichen und hinterhältigen Semikoli, doch das Blindtextchen ließ sich nicht beirren. Es packte seine sieben Versalien, schob sich sein Initial in den Gürtel und machte sich auf den Weg. Als es die ersten Hügel des Kursivgebirges erklommen hatte, warf es einen letzten Blick zurück auf die Skyline seiner Heimatstadt Buchstabhausen, die Headline von Alphabetdorf und die Subline seiner eigenen Straße, der Zeilengasse. Wehmütig lief ihm eine rhetorische Frage über die Wange, dann setzte es seinen Weg fort. Unterwegs traf es eine Copy.

Plädoyer für die eigene Sprache

Okay, ich gebe es zu, ich bin ein Wortpuzzler. Ich grabe gern nach der einzig passend erscheinenden Symbiose aus Wort, Sinn und Stimmung. Es macht mir Spaß und es erscheint mir notwendig, denn das ist doch auch Anlass zu schreiben. All die vielen Geschichten – sie existieren schon länger, als ich lebe und in einer Vielfalt, die ich in meinem Leben nicht in ganzem Umfang erfahren kann.
Neu und unverwechselbar werden sie erst, in dem wir etwas Neues hinzufügen: Uns. Unsere Art zu schreiben. Ich wehre mich dagegen, der Leser würde nicht bemerken, mit welcher Mühe wir um die richtigen Worte ringen, es wäre ihm bei einem Werk von rund 300 Seiten egal, in welchem Stil wir schreiben. Nein, so ein Leser bin ich nicht und auch meine Leser sollen später noch auf Seite 150 wissen, in welchem Buch sie die Seiten umblättern.
Schon beim Kauf entscheide ich, ob ich eine Liebesgeschichte in sinnlichem Ton erfahren möchte (Carola Wolff). Bewusst wähle ich den Krimi mit Berliner Herz und Schnauze in der passenden Sprache (Bettina Kerwien). Mancher Autor zieht und treibt seine Leser, bis sie den Buchdeckel am Ende erreicht haben (Anders Alborg). Und die ein oder andere Schriftstellerseele schreibt für Sprachgenießer, zum Langsamlesen und Entdecken. Wenn mir der Stil, der Ton, insgesamt die Sprache des Autors am Buchanfang als etwas Eigenes gefällt, warum soll ich in der Mitte oder am Ende der Geschichte darauf verzichten wollen?
Dann dauert es eben noch Wochen oder Monate, bis meine 300 Seiten gefüllt sind. Aber es sind unverwechselbare Seiten. Personalisierte Sprache, die wiedererkannt wird. Ich bleibe bei meiner Auffassung, es ist den Aufwand wert.