Zaubersterne

Das Fest der Heiligen Drei Könige ist vorbei. Zeit, sich vom Schmuck des Jahresendes zu verabschieden. Mit Bedacht! Und nicht, ohne mich zu bedanken.

Vor etlichen Jahren fuhr ich wegen des Weihnachtsfestes mit dem Zug zu meinen Eltern.
Ich weiß nicht mehr, ob der Zug voll oder leer war, ob wir pünktlich waren oder das Abteil überheizt war. Aber ich erinnere mich an den jungen Mann, der sich mir gegenübersetzte. Bis dahin hatte die Zugfahrt Interessantes vor allem jenseits der Fenster zu bieten. Nun änderte sich das.

Er sprach mich an, allein das überraschte mich, denn sicher habe ich mit einem Buch auf dem Schoß dagesessen und kein Interesse an einer Unterhaltung signalisiert. Völlig ungeübt in Konversation (Smalltalk war ein Fremdwort für mich), reagierte ich ausschließlich auf seine Fragen und Erzählungen. Er fragte und erzählte sehr viel. Irgendwann taute ich auf und verlor die Scheu. Die lange Zugfahrt nach Norden war nicht mehr nur einsames Warten, sie wurde zu einer Unterhaltung mit einem netten Bekannten.

Nein, das war nicht irgendwann, ich kann genau sagen, wie er es geschafft hat. Er fragte mich, ob ich gern bastele, was ich bejahte und zugleich einschränkte, kein besonderes Talent dafür zu besitzen. Daraufhin griff er in seinen Rucksack, legte eine Ansammlung quadratischer Notizzettel auf das Klapptischchen zwischen uns und sagte: Ich zeig dir was. Ist ganz einfach, das kannst du auch. Er begann, das Papier zu falten, drehte es einmal, zweimal, wieder zurück, kniffte und faltete wieder, zum Schluss zeigte er mir den flachen roten Papierstern auf seiner Handfläche.

Das kann ich niemals, raunte ich voll Bewunderung. Er ließ das natürlich nicht gelten, reichte mir einen gelben Zettel, nahm sich ein lilafarbenes Papierstück und leitete mich an, es ihm nachzutun. Zuerst die Diagonalecken übereinander, die Diagonale falten, aufblättern und mit der anderen Seite wiederholen für vier rechte Winkel im Quadrat. Das Blatt umdrehen, dort irgendwas falten, irgendwann das gefaltete Papier nicht nur kniffen, sondern tatsächlich übereinander lassen, an den anderen Ecken wiederholen, Umdrehen … ich habe die einzelnen Schritte schnell wieder vergessen.

Wie kann man solche Schwierigkeiten haben, sich zu merken, wie aus einem Merkzettel ein Papierstern wird? Sowieso sah mein gelbes Exemplar nicht halb so nach Faltkunst aus, wie sein lilafarbenes. Er schob die beiden perfekten zu mir und steckte meinen gelben Faltversuch in seine Tasche. Du kannst die beiden mitnehmen, sagte er. Wenn du sie auseinanderfaltest, kannst du anhand der Kniffe und Falten nachschauen, wie man es macht.

Die zwei Papiersterne sind in eine Kiste in meinem Wohnzimmerschrank gezogen, wo sie Jahr für Jahr darauf warten, in der Adventszeit ausgepackt zu werden und den gebastelten Anteil meiner ansonsten gekauften Weihnachtsdeko erhöhen. Vielleicht sind zwei Sterne ein bisschen wenig, ich sollte welche nachbauen. Aber ich habe nie nachgeschaut, wie es geht. Ich habe sie nie auseinandergefaltet, aus Angst, die ihnen innewohnende Magie zu verscheuchen oder aufzubrauchen. Nicht wie Aschenbrödel, die alle drei Zaubernüsse verbraucht. Immer, wenn sie die letzte Nuss einsetzt, trauere ich, weil keine Magie übrig bleibt. Aber sie bekommt ja am Ende ihren Prinzen.

Ich finde es schön, mir den Glauben an Magie zu bewahren. Dennoch ist mir bewusst, dass die Papiersterne ihren Zauber nur zu Weihnachten verbreiten und mir kein Kleid, keine Tanzschuhe und keine Armbrust bescheren. Ihre Magie ist anders. Sie halten die Erinnerung an diese besondere, gar nicht einsame Zugfahrt zum Weihnachtsfest bei meinen Eltern wach.

Manchmal frage ich mich, was aus dem gelben Stern geworden ist.

Sie schreibt – Zielpublikum

Neulich sagte ich zu meinem Kind (volljähriges Pubertier = Zielpublikum meiner Ansprache): Zieh dir eine warme Jacke an (impliziert, wir haben Winter) und bring den Müll runter. Bitte! – Die sofortige Antwort lautete: Ich will keine Jacke anziehen!
Der Mülleimer war kurz darauf wie von Zauberhand geleert.

Die Frage nach dem Zielpublikum führt mich immer zur Frage, warum ich schreibe.
Wenn ich mit dem Schreiben ausschließlich mich selbst verwirklichen möchte, warum soll ich mich im Thema, im Stil und in der Form nach den Wünschen und Vorstellungen einer mir persönlich größtenteils unbekannten Gruppe richten, mich beschränken oder mir sogar diktieren lassen? Das gilt erst recht, wenn ich nicht für mich schreibe, sondern Anderen etwas zu sagen habe. Was ist denn, wenn die Zielgruppe bemerkt, dass ich sie mit meinem Text für etwas Bestimmtes, gerade dieses, mein Geschreibe, interessieren möchte?

Es gibt einen Grund, warum Kinder- und Jugendliteratur so kompliziert zu vermarkten ist. Kinder sind oft Widerspruchsgeister. Sie baden in dem Wissen, in dem Können, alles abzulehnen und anders zu machen (siehe oben) als ihnen (vorsichtig ausgedrückt) empfohlen wird. Mein Kind ist König dieser Willensbrecher. Er merkt und wittert überall Manipulation. Wie will ich denn herausfinden, was meine Zielgruppe (Kinder und Jugendliche) will, wenn sie es selbst (noch) nicht weiß, außer eben, was sie nicht will?

Es gibt sicher genug Erwachsene (in der Zielgruppe Erwachsene), die sich ihren kindlichen Widerspruchsgeist bewahrt haben und sagen: Nicht dein Vorschlag, nicht dein Angebot, sondern meine Idee macht mich glücklich. Manchmal handelt es sich dabei um ein und dasselbe, aber es können Jahre zwischen der Erkenntnis liegen und der kategorischen Ablehnung davor.

Deshalb nehme ich mir das Recht heraus zu schreiben, was und wie ich will, um mich nicht zu verbiegen, um ehrlich zu mir selbst und meinem widerspenstigen Publikum zu sein.

Sie schreibt – Aufbruchstimmung

Ich lebe in einer Mietwohnung in einem großen Mehrfamilienhaus. Vorderhaus, Seitenflügel und Hinterhaus. Es ist eine schöne Wohnung nach vorne raus. Mit optimaler Aufteilung für eine vierköpfige Familie, Fenstern in allen Räumen, außer in der Abstellkammer, die ja kein Fenster braucht, dafür beherbergt sie ein zweites WC mit Abluftsystem.

Die Kinder wuchsen in dieser Wohnung auf, wechselten in die Kita, in die Schule, ans Gymnasium, ins Studium. In all diesen Jahren wechselten auch etliche Bewohner des Hauses. Die, die mit uns eingezogen sind, zogen aus, später zogen die Nachmieter aus. Ich sah die Umzugswagen vor dem Wohnzimmerfenster auf der Straße, beobachtete die Möbelpacker vom Küchenfenster aus im Innenhof, hörte die Helfer im Treppenhaus und Wehmut überfiel mich. Wohin zogen diese Menschen? Manchmal Bekannte, andere hatte ich nie gesprochen. Wieso zogen sie weg? Hatten sie eine bessere Bleibe für sich gefunden? Hatten ihre Lebensumstände sich geändert? Meistens wusste ich es nicht und würde es nie erfahren. Jedes Mal verglich ich sie mit meinem Leben, bewertete meine Wohnung und stellte fest, wie toll sie ist.

Dennoch ergriff die Sehnsucht nach Erneuerung zuverlässig Besitz von mir. Aufbruchstimmung machte sich breit. Erst seitdem ich schreibe, mit dem Erschaffen anderer Welten und Realitäten, wurde es leichter zu ertragen, dass andere fortzogen, während ich blieb.

Ich mag meine Wohnung. Sehr. Aber die Abenteuer wohnen woanders.

Neujahrslesung Literatur zwischen den Jahren

Literatur Zwischen Den Jahren 2020/2021 bei 889FM Kultur – 01.01.2021

Nach einem so schwierigen Jahr freuen wir uns umso mehr auf die erholsamen Tage zwischen Weihnachten und Neujahr. Sehr viel war 2020 anders als sonst; einiges gibt es nicht mehr, anderes ist neu entstanden.

Ganz neu ist unser Programm „Literatur zwischen den Jahren“, das in diesen Tagen seinen ersten Durchgang erlebt: Lesungen nonstop, die uns die letzten Tage des Jahres versüßen sollen. Von 10 bis 20 Uhr – jeweils 20 Autor_innen pro Tag, im halbstündigen Wechsel.

14 bis 16 Uhr

Heinz Dieter Vornau – Die Welt ist Wunderbar
Ina Wulf – Der 3. Stuhl
Sabine Roidl – Bäume Zeichnen
Heidemarie Brosche – Schuhhimmel mit Turbulenzen

Zu hören unter:
http://stream.laut.fm/889fmkultur
https://www.radio.de/s/lautfm-889fmkultur

Kein Jahresrückblick 2020

Dieses Jahr ist wie ein abwesender Liebhaber: sein verlockendes Deo schwebt in der Luft, aber er ist nicht da und die Wiederholung der tollen Tage nicht in greifbarer Nähe.

Manchmal habe ich das Gefühl, alle guten Sprüche sind schon gesagt, alle guten Geschichten schon erzählt. Ich kann sie nur noch neu interpretieren. Bei manchen Tagen, Wochen und Monaten des Jahres kommt es mir genauso vor. Es hat sie alle schon zigmal gegeben und es gilt, die bestmöglichste Auslegung zu finden.

Der vorletzte Tag der vorletzten Woche dieses Jahres beginnt spät und grau. Beim ersten hellen Lichtzipfel zieht es mich nach draußen. Ich könnte, statt wieder (und wieder) um den nahen See zu wandern, am Schreibtisch über dieses komische Jahr nachdenken. Ach Gott, nein, zurückschauen ist nichts für mich. Das ist, wie rückwärts um den See zu laufen, nachdem ich endlich alle Stolperfallen im Vorwärtsgang umrunde und meine Aufmerksamkeit auf die Glückseligkeiten im Verborgenen richten kann. Ich weiß, unter welchen Bäumen am Ostufer die Schneeglöckchen blühen, an welcher Stelle auf der Nordseite der Weg immer rutschig ist und in welchen Schilfecken die Entenmamas ihre Küken verstecken. Ich weiß, wo die Schatten im Sommer am dichtesten und im Herbst am längsten sind. Ich habe beobachtet, welche Bäume gefällt, zerlegt und von Kaminbesitzern weggetragen und welche für den nächsten Schnitt markiert wurden.

Jahreswechsel in den Wechseljahren. Kein Wunder, die vergangenen Monate sind wie ein Hin und Her zwischen Noch-nicht und Nicht-mehr. Jenseits der Vierzig sieht und hört man nicht mehr richtig gut, aber noch nicht so schlecht, Hinweise auf das Altern zu übersehen und überhören zu können. Einerseits ist es noch nicht Menopause, weit davon entfernt ist es aber nicht mehr. Kinder im Haushalt, die noch nicht selbstständig sind, aber nicht mehr willens, sich ins Leben reden zu lassen. 18- und über 20jährige, von denen es nur noch abgewehrte Schnappschüsse und fremd wirkende Bewerbungsfotos gibt, weil sie der elterlichen Dokumentation ihrer Lebensereignisse aus dem Weg gehen.

Ich habe mir angewöhnt, den Fotoapparat überallhin mitzunehmen. Landschaftsaufnahmen im Zwielicht, Stillleben der Natur oder Besonderheiten und Absurditäten menschlichen Wirkens in der Sekunde konserviert, in der ich sie erlebe. Ändert sich meine Einstellung bei einer späteren Betrachtung?
War es richtig, die 16:8- Diät auszuprobieren? Das Gewicht scheint sich lediglich verschoben zu haben, vom Frühjahr in den Herbst. War es leichter, noch nicht zu essen, bis die Start gebende Stunde am Vormittag erreicht war oder schwieriger, schon ab dem Nachmittag nicht mehr an den Kühlschrank zu pendeln? Es fühlte sich jedenfalls besser an, das Angenehme noch vor sich zu haben.

Das Licht des späten Vormittags fällt durch die leeren Äste der Laubbäume auf das blauschwarz glänzende Band des neuen Uferweges. Nur wenige Andere sind mit mir unterwegs. Viele haben mit dem Ausweiten des Homeoffice verlernt, hinaus zu gehen. Ein Grund, weshalb ich Homeoffice für mich bisher abgelehnt habe. Zweien von drei in unserem Haushalt lässt man inzwischen keine Wahl. Möglicherweise verwandelt sich mein „noch nicht“ jetzt für mich in „nicht mehr“, wie wenn ich die unreifen grünen Bananen zu lange liegen lasse, bis sie braunfleckig und ungenießbar geworden sind. In diesem Jahr lerne ich den Unterschied zwischen Freizeit und Freiheit mit dem Gelingen oder Scheitern jeder selbst bestimmten Aktion.

In Bezug auf meinen Urlaub bewies ich besseres Planungsglück. Meine Erholungszeit an der Ostsee fand statt, als die meist diskutierten Zahlen nicht mehr die erste Welle bedeuteten und noch nicht die zweite. Wer öfter am Meeresstrand steht, weiß, dass nach der ersten immer eine zweite und dritte Welle den Schaum und die Quallen, das Seegras und Treibholz anspült. Ab und an sogar Bernstein. Ich habe noch nie Bernstein gefunden, aber ich schaue jedes Mal voller Hoffnung auf das Glitzern vor meinen Füßen.

Der See vor mir schwappt mit winzigen Wellen ans Ufer. Zu kalt, um darin baden zu wollen. Im Sommer war ich versucht, die Qualität des Wassers auszuprobieren, nun hat es seine Anziehungskraft verloren. Auch das alte Jahr zieht nicht mehr an mir, wohin gegen das neue mich noch nicht reizt. Weil ich losgelassen, aber nichts angepackt habe. Ich arbeite nicht mehr an meinem alten Projekt, bin aber im neuen noch nicht richtig angekommen. Gerade merke ich, für meine Projekte bin ich der unstete Liebhaber. Und wenn ich wählen kann, entscheide ich mich lieber für das neue, denn in Sachen Sex ist, „noch nicht“ besser als „nicht mehr“ damit beschäftigt zu sein und unbeachtet liegen gelassen zu werden.

Rings um mich erstarrte Landschaft, plötzlich bewegt sich neben mir etwas, klein und flink, schnelle Farbe, grün-schwarz-gelb. Ich suche den Vogel, der munter von Zweig zu Zweig federt, immer höher hinauf. Da, ich glaube ihn gefunden zu haben, aber es ist nur ein Blatt, das mich narrt. Ich lasse den Fotoapparat sinken, kein Bild von einem Vöglein. Viele Federträger haben in den vergangenen Wochen und Monaten Platz genommen für ein Portrait, Kormorane auf Wachposten mitten im See, Enten im schattigen Mittagsschlaf, ein Schwanenpaar mit verliebten Hälsen. Und nun, nur ein graugrünes Blatt. Trotz in der Hand hebt die Fotolinse an den Strauch, Neugier in den Fingern löst das Foto aus.

Im Laufe des letzten Jahres sind viele Fotos auf den Speicherchip gebannt worden. Sie sind lange nicht mehr so unkonzentriert und ziellos wie am Anfang, wo das Probieren mehr zählte als das Ergebnis, aber natürlich sind sie auch lange noch nicht so professionell, dass das Ergebnis mehr zählen könnte als das Probieren. Eine Fotodokumentation durch die Spaziergänge des Jahres ist es allemal.

Inzwischen ist das Sonnenlicht von kriechendem Nebel gefangen. Kein Licht, keine bunten Farben, keine Überraschung. Ein schattendunkles Blatt vor eisgrauer Seekulisse, aber geformt wie ein Herz. Wind kommt auf, pustet mir kalt an den Hals, umspielt mein Gesicht und fingert nach dem trockenen Blattstiel. Ich sehe nicht hin, will kein Zeuge sein, wie das Herzblatt fällt.

Nicht mehr lange, dann schlage ich ein neues Bild in einem neuen Kalender auf. Immer noch neugierig auf die Überraschungen, die dann wie Bernstein zwischen Quallen und Seegras vor meinen Füßen landen und neue Herzblätter an den Zweigen sprießen lassen.

Kann das weg (oder wird das noch gebraucht)?

Morgens um sieben im Bad. Es ist Sonntag. Radio an. Fröhliche Rhythmen antworten dem Einschalten. Irgendein Song, der mich sofort mitreißt. Ich kenne ihn und doch fühlt er sich frisch und neu an. Ich krame in meinem Gedächtnis nach dem Titel. Dabei wird mir klar, es ist Popmusik!
Vier Wochen lang spielte der Radiosender ausschließlich Weihnachtshits. Ab heute zucken die Muskeln nicht mehr mit dem Klang von Schlittenschellen und Kirchenglocken, ab heute schluchzt das Herz nicht mehr im Walzertakt nach weißer Weihnacht und Wünschen fürs Fest. Ich drehe mich wild in den Flur durch die Wohnung. Die Popmusik folgt mir, schwebt durch die Räume und verschleiert die Kerzengestecke. In Sekundenschnelle wirkt das Tannengrün trocken und alt. Es hat seinen Zweck erfüllt. Dann kann es jetzt auf den Kompost. Oder nicht?
Als ich klein war, trauerte ich der Entsorgung des Christbaums mit jeder rieselnden Nadel entgegen. Nein, noch nicht, kniete ich mich schützend vor das geschmückte Holz. Längstens bis zum 06.01., hieß es, wobei mir die Ankunft der Heiligen drei Könige oder das russische Jolka-Fest genauso fern waren wie die übrigen kirchlichen Gebräuche und unsere russischen Freunde. Doch schon als Kind lieben wir die Zugabe von Dingen, die uns guttun. Selbst als Erwachsene bitten wir um die Verlängerung von Nächstenliebe, Freigiebigkeit, Toleranz und Hoffnung. Und langsam dahinfließender Zeit.
So viele Einladungen wie dieses Jahr haben mich noch nie erreicht. Noch nie wollte ich sie alle annehmen. Meine Eltern, meine Freunde*, meine Kollegen* (beruflich und im Freizeitbereich), Veranstaltungen im Museum, im Theater, in der Kunstgalerie und im Radio, als Mitwirkende oder im Publikum – alles online. Alles gleichzeitig?
Zeit ist nicht vermehrbar. Sie jetzt mit Aufräumen des vergangenen Festes zu verbringen, statt die vielen übrigen Einladungen in meine wachen Stunden zu sortieren, kommt mir verrückt vor. Mag das Tannengrün schon grau sein, lass es rieseln, sag ich mir. Wenigstens bis zum 06.01.

https://youtu.be/jvv_jvAZigo

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Weihnachtslesung Literatur zwischen den Jahren

KEINE Leseperformance der Vhs
Auszug der Radiosender-Website:

Weihnachten 2020: Literatur zwischen den Jahren bei 889FM Kultur
Nach einem so schwierigen Jahr freuen wir uns umso mehr auf die erholsamen Tage zwischen Weihnachten und Neujahr. Sehr viel war 2020 anders als sonst; einiges gibt es nicht mehr, anderes ist neu entstanden.
Ganz neu ist unser Programm „Literatur zwischen den Jahren“, das mit Weihnachten 2020 startet: Lesungen nonstop, die uns die letzten Tage des Jahres versüßen sollen. Von 10 bis 22 Uhr – jeweils 24 Autor_innen, im halbstündigen Wechsel.

20 bis 22:00 Uhr

Marlen Schachinger – Windhauch
Dietmar Herzog – Der Fahrer; der Fischer
Ina Wulf – Das Geschenk – Ansichtssache
Steffen Zöhl – SinnSationsGeschichten 1

Geh nicht

Warmer Wind umbraust mich, Sturm eigentlich, wie Fön, Fallwind ohne Gebirge. Es ist Sommer, trotzdem fallen die Blätter, hellblau sind sie, gelb mit dunklem Rand, rotorange gepunktet und schmutzig weiß liegen sie in der Sonne, bis sie plötzlich aufflattern und wieder Schmetterlinge sind. Seit Wochen ist Sommer.
Heute ist es anders, ich merke es gleich, als ich in die langen Schatten innerhalb des hellgelben Zimmers trete, dieselben Schatten haben sich in ihr liebes Gesicht gegraben, Schmetterlinge torkeln gegen meine Bauchwand. Mit Bedacht hänge ich den Mantel an den Garderobenhaken hinter der Tür, lockere Krawatte und Gürtel und setze mich zu ihr ans Bett. Sie wirkt schwächer als sonst, leiser, zarter, noch leichter als die Drachen, die wir am Strand durch den Seewind unserer jungen Jahre trugen, leicht wie ein Schmetterling, der nicht fliegt.
Das große Fenster fängt nur wenig Licht für uns ein. Im Feierabendverkehr habe ich viel Zeit verloren. Kein Vorwurf von ihr, sie schaut mich an mit diesem Ausdruck des eingelösten Versprechens, der jede Fahrt durch jeden Stau auf jeder Stadtautobahn wert ist, sie hat ihren Frieden gemacht mit dem Warten, irgendjemand sucht und findet sie, entweder ich oder der folgende Tag oder das nächste Leben.
„Gut siehst du aus“, sie sagt das nicht nur so. Immer achtet sie auf meine Garderobe, schätzt die Mühe, die ich darauf verwende, bevor ich zu ihr aufbreche und ich merke ihr an, dass sie gern Rouge aufgelegt hätte, mich lieber mit geordnetem Haar empfangen hätte und ich streiche die dunklen Strähnen aus ihrem blassen Gesicht. Immer begrüßt sie mich, als kehrte ich nach Hause zurück: „Erzähl mir von deinem Tag, Schatz.“
Sie lebt das Leben mit, soweit ihre Vorstellungskraft reicht. Lächelnd quittiert sie meinen Bericht, in dem ich mich gegen den Chef behaupte. Bis ich eines Tages selbst Chef bin, wie sie gerne sagt. Sie singt begeistert jeden Song, den ich für die Gitarre komponiere, das Instrument ist heute nicht dabei, ich hatte Eile, rechtzeitig da zu sein, wenn sie wach ist. Sie spitzt die Ohren für Friedas und Jennys Erfolge in der Schule. Die Zeugnisse, die sie zuletzt unterschrieb, sind deutlich verbessert. Auch die Mädchen sind heute nicht dabei. Bewusst enthalte ich ihnen diesen Moment vor, mit Absicht stehle ich ihn aus ihrem jungen Leben. Später wird man mir den Vorsatz vorwerfen, vielleicht.
Später werde ich erklären, dass nicht ich es war, der die beiden fernhielt. Es war die Zeit, die nur einen Besucher erlaubte, obwohl es menschengemachte Regeln sind. Sie nickt, als hätte sie nichts anderes erwartet. Die Weisheit des Vorausgehenden, unaufdringlich spendiert. Heute ist es mühsam, ihr warmes Lächeln ist dasselbe, doch die Aufmerksamkeit flieht.
Seit zwei Wochen frage ich nicht mehr. Zuerst konstruierten wir Witze, wir verfilmten den Murmeltiertag neu mit ihr in der Hauptrolle. Was für eine Komödie das wäre, getragen von ihrem unbeugsamen Humor. Irgendwann schwand die Hoffnung auf das Happyend, mit jedem stummen Kopfschütteln, mit jedem tiefem Seufzer von Pflegeschwester und Arzt, mit jedem schwächeren Atemzug wird es klarer. Zweifel quälen mich. Was hätte ich anders regeln können? Versteht sie, wie dankbar ich bin für die Zeit mit ihr?
Ich nehme ihre Hand, fahre die Linien auf der Innenseite ab, zeichne ein Herz hinein. Sie hat die Augen geschlossen. Ich stelle mir vor, wie sie meinen Berührungen nachspürt, als wären wir in den Ferien am Strand und malten uns gegenseitig Bilder und Buchstaben auf den Rücken, mit Fingern und Sonnencreme, rate, was ich gemalt habe. Kurven, Linien und Punkte verschwimmen auf den Monitoren neben ihrem Bett.
Wie oft haben wir den Abschied geübt, Murmeltiertag, ihn zelebriert, als wäre es der letzte. Wie jedes Mal, wenn die Schatten zur Nacht werden wollen, sagt sie: „Geh nicht.“
Unnötig, denn Fallwinde halten mich auf, Ostseesand tropft durchs Stundenglas und Schmetterlinge in meinem Bauch taumeln als Herbstlaub auf den Grund meiner Seele. Heute bin nicht ich es, der geht. Es ist ihr Abschied und sie wird nicht aufstehen dafür.

experimentelles Schreiben – Schreibexperiment 5

Experimente soll man nicht erklären. Nur so viel: Die gestrichenen Passagen sind absichtlich sichtbar.

Ich will Ihren Mann
Steigen Sie in die U-Bahn, forderte die Therapeutin von mir. Überwinden Sie sich! Vergessen Sie die befürchtete Erfahrung, es ist keine vorausgehende Ahnung, nur vorweggenommene Furcht, sagt sie, nehmen Sie Platz wie ein neugieriges Kind, wie ET, der vorher niemals U-Bahn gefahren ist, seien Sie ein Außerirdischer, der zum ersten Mal in das tunnelhafte Weltall im Innern der Erde taucht und staunt.
Drew Barrymore zieht mich ins Zugabteil und lässt mich los. Ich setze mich und sehe sie nicht mehr. Meine Augen sind geschlossen, weil, wenn sie offen wären, könnte mir bewusst sein, dass ich in der U-Bahn in meiner Erinnerung gefangen bin. Wie sehr ich mich heute für meinen Wunsch schäme. Wie selbstsüchtig ich war und gleichzeitig wunderbar selbstsicher. Der Gedanke, am Ende wäre mein Platz in deinen Armen, ließ mich auf jedem Grad wandern, als wären es blühende Wiesen.
Mein Kopf lehnt wieder an einer Scheibe, einem Spiegel für das Wageninnere. Doch ich sehe etwas Vergangenes. Ich beobachte sie, sie schaut überall hin, vor allem über mich hinweg, dann dreht sie sich um zu dir, gerade als du mich anlächelst. Mutig warst du, mir zuzuflüstern: Trau dich! Und erschrocken, als ich mich traute und dich mitriss, mitten hinein in das Liebes- Abenteuer unseres Lebens, von dem keiner wissen konnte, wie es endet. An dem Tag schärfte ein Handwerker vor dem Regent Hotel sein Messer am Granit der Bordsteinkante, dass die Funken nur so sprühten. Ritsch-ratsch, ritsch-ratsch. Ich habe mich heute hinuntergebeugt und nachgesehen, der Stein trägt keine Zeichen der Abnutzung.
Ich habe große Lust, mich zu übergeben, in ein ferngesteuertes Schicksal, in fremde Hände, solange es nicht deine oder ihre sind, dem Sodbrennen nachzugeben wie der Reiher vor seinen Jungen unten am Fluss auf dieser Insel, die Wasserfontänen sprudelten in Reihe im Kaskadenbrunnen, da sah ich euch zum ersten Mal zusammen. Euch beide, seit Ewigkeiten ein Paar, ihr seid Granit, eine Kirche ist auf eurem Fels gebaut. Die Wasserfontänen tanzten im Sonnenlicht wie kleine Gespensterkinder, die mit ihren Laken spielen, kleine weiße, heiße Kerzenflammen, lauter sprudelnde Schwänze, vier Stück in drei Wasserbecken, vier Mal dein Schwanz innerhalb von drei Stunden, mir ist schlecht und mein Bauch tut weh. Und überhaupt ist gemeinsam Essen viel gesünder als gemeinsamer Sex. Man wird nicht notwendig dick dabei.
Die Frau fällt mir ein, die neben dem einfahrenden Zug herlief, sie stolperte und schlug der Länge nach auf die Bahnsteigmarkierung am Rand, rollte ein bisschen, nur ein bisschen und dann kam der Zug mit der Tür genau vor mir zum Stehen. Man half ihr auf, stellte sie auf die Füße, sie nickte dankbar und atemlos und ich fand, sie wirkte verstört. Fragte sie sich, warum sie gelaufen war? Gab es nicht mehrere Türen am Zug, musste es ausgerechnet diese Tür sein? Sie war älter als ich, etwa im Alter deiner Frau. Ich beeilte mich, in einen anderen Waggon zu steigen, der Gestürzten wäre ein Sitzplatz sicher, mir, so ich ihr den Vortritt gelassen hätte, wäre diese Aufmerksamkeit sicher nicht zuteil geworden.
Ich habe, ich hatte viel Gelegenheit, darüber nachzudenken, was aus uns werden soll. Ich, die ich ständig an dich denke, sie, die an mich und dich denkt, du, der sich daran erinnern muss, dass ich an dich denke. Es macht einen Unterschied, der Haken auf einer to-do-Liste oder selbst die Wunschliste zu sein. Ich kann immer noch sagen, wann ich das eine oder das andere für dich war. Für sie war ich weder noch, sondern Versuchung und Fluch.
Ich habe, ich hatte, ich habe gehabt, was andere gern hätten. Ich bin zu ihr gegangen, war gegangen mit ihr an deiner Seite, dann bin ich gegängelt worden und wieder gegangen. Neulich habe ich einen Politiker sagen hören: „Ich glaube, es ist falsch zu glauben …“ Ab dann hörte ich nicht mehr zu, ich dachte über Glauben nach und Kirchen auf Granit, an Wasserfontänen und dunkle Laubengänge. Dort im Schatten saß ich, aus dem Schatten heraus sah ich euch im Licht wandeln, selbst unsichtbar, uninteressant, als wäre ich aus Stein. Eine Statue. Bin ich das? Vielleicht ja, vielleicht nein. Die Leute gehen an ihr vorbei, sie starren auf die nackte Unbewegtheit und sehen nicht, dass sie sogar im Schatten glänzt.
Ich habe, ich hatte, ich habe gehabt, ich hätte gern eine neue Chance, meine Wurzeln und festen Halt zu finden. Halt ist wichtig. Haltlos ist unstet, unsicher, sturzgefährdet, haltlos fällt auf, fällt hin. Manchmal neben einen Zug. Manchmal davor. Kann ich doch nicht ändern, wenn sie sich ihre Zeit lieber an ihrem Mann vertreibt als mit mir, mit Jemand anderem als ihrem Mann, damit ICH ihren Mann haben kann.
Ich habe, ich hatte, ich habe gehabt, ich hätte gern, ich hatte mal … den Plan einen Zug zu besteigen.

experimentelles Schreiben – Schreibexperiment 4

Maskenball
Noch zwei Tage.
Elena atmete aus, sie lehnte mit der Stirn am Fenster, die Scheibe beschlug, aber hindurchschauen konnte man schon länger nicht mehr. Wann hatte sie aufgehört, die Fenster zu putzen, wann hatte sie aufgehört, sich für die Aussicht zu interessieren? In zwei Tagen spätestens sollte der Wald hinter dem Haus besser wieder zu sehen sein, zumindest die Farbe. Grün beruhigt das Auge, mit viel Ausdauer auch die Seele. Allerdings würde ihre Mutter so viel Hinausstarren verdächtig finden und das Geheimnis wäre in Gefahr, aufgedeckt und zum Problem zu werden. Dann nämlich würde Elena der Vortrag über Schandmasken nicht erspart bleiben, den ihre Mutter sonst den Besuchern im Germanischen Nationalmuseum über die Ehrenstrafe von Ehebrechern hielt und den Elena schon auswendig kannte. Ganz zu schweigen von der Wiederholung des anschließenden Vortrags, was sie für eine nichtsnutzigen Tochter wäre.
Eine Schandmaske hatte Elena nicht getragen, als sie und ihr verheirateter Liebhaber die Lieblingsszene aus Fifty Shades of Grey nachspielten. Schwarze Spitze mit Glitzer und Seidenbändern zum Binden. Über den Augen, über der Brust und die Bänder auf den Hüften hatte er zuerst geöffnet.
Elena schob den Stuhl vor das Küchenfenster. Für Ehebetrug wurde man im Mittelalter an den Pranger gestellt oder hingerichtet. Durch Hängen zum Beispiel. Die Schandmaske war lediglich zur Bestrafung von minder schwerem Fehlverhalten gedacht.
Elena hob den Eimer mit dem Wasser auf den Stuhl und lachte kurz auf. Die Masken wären in der Gestaltung der Art des Vergehens sehr ähnlich, hieß es. Vernachlässigte Ordnung und Sauberkeit, wie würde die Maske dafür wohl aussehen. Mit Federn und Borsten gespickt, weil man damit früher Staub wischte und fegte? Das Ergebnis käme der venezianischen Karnevalsmaske von neulich sehr nahe.
Es klingelte an der Tür. Erst der Schreck, dann die Panik. Zu früh! Zwei Tage zu früh! So war das nicht verabredet. Es half ja nichts. Elena zog die Gummihandschuhe aus und öffnete. Und erfuhr sogleich Erleichterung. Nicht ihre Mutter, sondern Sophie, ihre Freundin, ihre ab heute allerbeste Freundin stand in Kopftuch und Schürze mit Müllbeuteln und Schrubber bereit, ihr zu helfen.
„Sophie! Dich schickt der Himmel! Komm rein, wenn du dich traust.“
„Hey, Ehrensache. Der Notfall war selbst am Telefon nicht zu überhören. So viel schlimmer als bei meinem letzten Besuch wird es schon nicht sein. Herrgott, Elli! Was ist passiert? Wie kann man im schicken Wannsee in so einer Dreckbude wohnen?“
„Ganz leicht, wenn das Leben einen ständig überholt.“
„Mensch, Elli, du hast dich im Stolpern überholt. Erst Aufräumen, danach Saubermachen! Ich fang mit dem Fenster in der Küche an, an deiner Wäsche mag ich nicht rumfalten, das mach mal schön selbst.“ Sophie verschwand und ließ Elena im Wäschechaos zurück. Wer faltet denn heute noch Socken und Unterhosen?
Die T-Shirts und, noch schlimmer, die Blusen sahen selbst übereinander gestapelt geknüllt aus. „Arrgh“, knurrte Elena und nahm sich die Wäschestücke erneut vor, mit mehr Konzentration und zitternden Fingern. Bis sie den Kaffeefleck auf der hellblauen Bluse bemerkte. „Ach du liebe Zeit, der ganze Haufen muss erst gewaschen werden.“ Sie raffte alles zusammen und trug es ins Bad, stellte das Universalwaschprogramm ein und schaute nach, wie lange die Waschmaschine damit beschäftigt sein würde. Elena nahm sich die Reinigung des Bades in derselben Zeit vor.
Sie fing damit an, die Gratisproben am Waschbecken nach Behalten und Wegwerfen zu sortieren. Kosmetika, die richtig guten Sachen, waren viel zu teuer, um sie zu kaufen. Gegen Ausprobieren sprach jedoch nichts. Elena trug die dicke Creme auf, die sich bei genauerem Lesen der Ameisenschrift als Erfrischungsmaske entpuppte. Auch gut. Und witzig. Jetzt konnte sie in Sachen Augenmaske mit jedem Comic Helden mithalten. Was roch denn hier so merkwürdig? Elena linste in Richtung Klo und schmeckte Ekel auf der Zunge. Sie schaute nicht erst nach, sondern kippte den Inhalt des WC-Reinigers komplett ins WC-Becken und ließ den Deckel sofort wieder zuklappen. Sie hörte es blubbern und zischen und brodeln darin. Vorsichtig hob sie den Deckel wieder an. Ätzende Dämpfe stiegen ihr entgegen. „Puh, davon kann einem ja schwindelig werden!“ Schnell beugte sich Elena zum Fenster und öffnete es weit. Eine Wespe folgte der Einladung, flog eine Runde durchs Bad und summte zurück an die frische Luft. Elena hätte schwören können, die Wespe wäre maskiert gewesen. Giftige Dämpfe können sich entwickeln, stand als Warnung auf der Reinigerverpackung. Vielleicht sollten sie die Gasmaske gleich mitliefern. Elena wandte sie sich den restlichen Proben am Waschbeckenrand zu, entschied, sie alle zu behalten. Danach wischte sie den Spiegel, die Ablage, den Boden der Dusche, die Oberflächen der Fliesenkante, bis ihre Haut zu spannen begann. Erschrocken betrachtete sie sich im Spiegel. Zu lange draufgelassen, zu trocken geworden, hatte die Erfrischung sich in eine Totenmaske verwandelt. Nun aber runter damit.
Sophie klopfte und öffnete die Badtür. „Alles in Ordnung bei dir? Du hast das Telefonklingeln überhört. Bis auf dieses Fenster sind alle geputzt und ich sehe, du bist fast fertig. Gut so, deine Mutter hat nämlich gerade angerufen, sie ist gleich da. Sie möchte vom Bahnhof abgeholt werden in 15 Minuten.“
Gestresst, überhaupt nicht erfrischt und kaum mit Grün für die Seele aufgeladen stand Elena am Bahnsteig, als der Zug einfuhr. Ihre Mutter war schlecht gelaunt, trotz des groß geblümten Stücks Stoff über ihrem Gesicht gut zu erkennen. Sie zog den Koffer zu Elena, die sich nicht gerührt hatte, stemmte die Hände in die Seiten und sagte: „Das war vielleicht eine Fahrt! Überall Wespen im Abteil! Und wieso, in drei Teufels Namen, trägst du keinen Mund-Nasen-Schutz?“ Elenas Lust auf Mutterbesuch bröckelte wie eine zu lang getrocknete Erfrischung von ihrem Gesicht.

experimentelles Schreiben – Schreibexperiment 3

Relativ
Die Versammlung war zu Ende und die Aufgaben verteilt. Thema war schlicht und ergreifend die Zukunft, beziehungsweise ihr aller Überleben gewesen, denn sie hatten erfahren, dass zum nächsten Werktag der Schädlingsbekämpfer bestellt war.
Die Population der längsgestreiften Wespen hatte im langwierigen Prozess um Anerkennung ihre Andersartigkeit aufgegeben und sich mit quergestreiften Westen bekleidet und angepasst. Doch im gleichen Maße, wie sie ihre Toleranzfähigkeit demonstrierten, verloren sie die Sonderstellung eines schutzwürdigen indigenen Naturvolkes. Unter diesen vorher nicht bekannten, nun veränderten Voraussetzungen würden sie außerdem ihr Heim verlieren. Ihr Nest war bei der Schließung und dem begonnenen Rückbau des Restaurants entdeckt worden, das jahrelang als naheliegende exquisite Futterquelle sowohl für das Westenwespenvolk sowie für stinknormale Flügelträger und Gäste des angegliederten Hotels den Tisch gedeckt hatte. Nun war ein Umzug bitternötig geworden und Kundschafter sollten neue Wohnmöglichkeiten und die bestrealisierbare Variante für die Umsiedelung des behäbigen Volksstammes erschließen. Selbstverständlich war die Angelegenheit als hochgeheim eingestuft und so wusste Niemand außerhalb der summenden Gemeinschaft von der geplanten Aktion.
Trotz seiner Vorsicht wurde ein Flugpionier dennoch bei seiner Arbeit entdeckt, zum Glück aber nicht enttarnt. Eine Frau war im Zug, der aus der Stadt hinaus ins blühende Land fuhr, auf das schwarzgelb gestreifte Fluginsekt aufmerksam geworden. In diesen Sekunden waren ihre Gedanken aufgrund eines merkwürdig bedrohlichen Anrufs zuvor auf sehr vielfältige Weise mit der Gefahr an sich, für sich und jede weitere beteiligte Person beschäftigt gewesen, was ihre erhöhte Sensibilität für die Absonderlichkeit einer Wespe im 2.Klasse-Abteil des Regionalexpress‘ erklären mochte.
Die Wespe war ihrem Auftrag gemäß zuverlässig am letzten innerstädtischen Bahnhof in den Zug eingeflogen. Dort hielt sie sich an die unter Insekten geltenden Abstandsregeln und umkreiste gekonnt die auf einen Abteilsitzplatz wartenden und deshalb im Ein- und Ausstiegsbereich stehen gebliebenen Fahrgäste. Außer unterschiedlichen Höhenverhältnissen der Decke fand sich nichts Interessantes an dieser Höhle. Mühelos durchbrach sie die für Menschen anscheinend äußerst hinderliche Barriere zum Abteil, wobei sie geschickt den schmalen Spalt zwischen den Glaswänden zu nutzen wusste. Der Zug setzte sich in Bewegung, als die Wespe die Beschaffenheit der Zwischendecke in Augenschein nahm. In diesem Moment geschahen zwei Dinge. Erstens wurde die Wespe von den übrigen Passagieren wahrgenommen. Zweitens legte der Zug an Geschwindigkeit zu und erhöhte somit insgesamt die Geschwindigkeit, mit der die Flügelarbeiterin auf ihrem Kundschafterflug unterwegs war.
Während einige der Fahrgäste sich respektvoll duckten, um der Verwirrtheit des Insekts Raum zu geben, beobachtete die alarmierte Frau mit Stift und Notizheft besorgt die Entwicklung des Geschehens. Würde die Wespe den auf sie einwirkenden Kräften der Beschleunigung gewachsen sein? Als sich neben den Fenstern ein anderer Zug vorbeischob, war klar: dies war eindeutig ein Fall für Albert Einsteins Relativitätstheorie. Das kannte man ja. Flog die Wespe in dieselbe Richtung, in die der Zug fuhr, würde ihr das leichter fallen. Bewegte sie sich in die entgegengesetzte Richtung, hätte sie den Widerstand der fremden Bewegung zu überwinden. Oder nein, es war genau umgekehrt. Bei Flug in Fahrtrichtung des Zuges wirkten die Kräfte doppelt auf das Insekt wegen der kumulierten Vorwärtsbewegung, während der Rückweg im Flug durch die Gegenrichtung des Zuges bereits erledigt war, wenn sie sich in der Abteilluft nur auf derselben Stelle hielt. Irgendetwas war falsch an der Theorie. Aber was? Stimmte die Zuordnung der festen und bewegten Objekte zueinander nicht oder die Relation drinnen zu draußen? Wie behält man dabei die Orientierung? Die Wespe jedenfalls schien zu torkeln, purzelte in der Luft vor und zurück. Bestimmt war ihr schon übel, weshalb sie sich kraftlos an den grauen Kunststoffgittern unterhalb der Decke abfing. Das Insekt beeindruckte die Neugierige mit Cleverness, offenbar leckte es die Schweißspuren an der Gepäckablage über den Sitzen ab. Dass Salz auch unter Wespen als altbewährtes Hilfsmittel gegen Schwindel und Übelkeit galt, überraschte die stille Beobachterin. Schlussendlich hatte sie die ganze Sache doch falsch betrachtet, weil kein luftleerer Raum bestand wie im kosmischen Vakuum. Vielleicht fühlte es sich für das Insekt danach an? Da, die Wespe untersuchte offenbar kurz vorm Ersticken die Lochstanzungen in der Decke auf Luftzufuhr. Ach herrje, die arme Wespe. Würde das Lungenvolumen des Flügelwesens diese Überlastung ertragen? Wie unvorbereitet das kleine Ding in diese schrecklich kräftezehrende Situation geraten war!
Den Ängsten der Fahrgäste im Allgemeinen und den Bedenken der Frau mit dem inzwischen steifen Genick im Besonderen sehr fern und davon unbeeindruckt, schloss die Wespe ihre empirischen Untersuchungen zeitgerecht ab, las schnell die Streckenbeschreibung auf dem Plakat, bevor sie am nächsten Halt in Wannsee auf den Bahnsteig flog und mit relativ interessanten Erkenntnissen den Rückweg zum Noch-Nest antrat.