Kleine Werkschau

Die Kleine Werkschau ist fertig.
Eine Art Visitenkarte als Lyrikerin, als Autorin, als Fotografin.

51 Seiten Text, abwechselnd Lyrik und Kurzgeschichten, aufgelockert und unterstützt mit Fotografien.
Bei Interesse kann gern unter der Kontaktadresse bestellt werden.

Von wegen alt

Irgendwann ist es (shit happens) einfach das Zuvielste, und dann geht es nicht mehr wie vorher. Das Leben im eigenen Körper, wie es bis dahin funktionierte, muss neu zurechtgerückt werden.
Dann sitzt du beim Orthopäden und diktierst deine Anamnese, all die Knochenbrüche, die dich langsam werden lassen, und beim Aufzählen merkst du, dass es schon ein paar Jährchen gebraucht hat, die Blessuren einzusammeln, und ganz plötzlich begreifst du, warum du langsam geworden bist. Du wirst alt!
Aber nein, denkst du, du willst nicht zum alten Eisen gehören. Jetzt doch noch nicht. Bis eben, bis kurz vorher, bis vor dem letzten Knocheneinspruch, lief alles noch wunderbar. Da geht noch was, bitte!
Allerdings! Es gibt Hoffnung, weil es Ärzte und Therapeuten gibt, die die Hoffnung nicht aufgeben. Und es gibt Physiotherapeuten, die zugleich Chiropraktiker sind. Die kriegen das wieder hin. Es dauert ein paar Wochen, aber dann ist sie da, die erhoffte Besserung.
Dein altes Leben winkt um die Ecke, im Sinne von „früheres“ Leben, nicht im Sinne von „alt“. Es schmeckt wieder nach lockerer Bewegung an frischer Luft, es fühlt sich nach Runderneuerung an. Angefangen bei den Füßen, Beckenaufrichtung, Wirbelstellungskorrektur von LWS über BWS bis HWS, Kenner wissen, was gemeint ist. Plötzlich wird sogar die Atmung freier.
Dass du dich innerlich wieder jung fühlst, merkst du spätestens, wenn du dir bei der Korrektur der Kiefergelenke Sorgen um die Faltenbildung an Hals und Gesicht machst. Spätestens dann bist du der Heilung ziemlich nahe. Nur über deine Prioritäten solltest du dir neue Gedanken machen.
In dieser Verfassung stehst du sogar nach einem neuen unnötigen (shit happens) Fahrradsturz wieder auf und fährst weiter! Vielen Dank! https://praxis-frank-erdmann.de/theorie/

Schwarze Katze oder Mittwoch, der 13.

Mein Vater brachte uns das Kartenspiel „Schwarze Katze“ bei. Kurz nach meinem zwölften Geburtstag. Kurz nachdem er bei meiner Mutter und mir eingezogen war.

Die Einzelheiten oder Regeln des Spiels müssen gar nicht erklärt werden, um bloßzulegen, weshalb es nicht mein Lieblingsspiel wurde: Man kann keine Pluspunkte sammeln. Im gesamten Kartenspiel, vom ersten bis zum gnadenvollen letzten Stich geht es darum, so wenig wie möglich Minuspunkte oder anders ausgedrückt, keine herzverseuchten Stiche, auf der eigenen Tischseite zu stapeln. Die hübscheste und zugleich schlimmste Karte im Blatt, die Pikdame, war von nun an mit schlechtem Ruf unterwegs. Mein Harmonieempfinden wehrte sich gegen die Kartenrunden, denn wie oft wir uns in bester Absicht, Familienzeit miteinander zu verbringen, zusammensetzten, jedes Mal gingen wir im Streit auseinander. Wie kann man auch annehmen, gutes Karma zu verbreiten, indem man den Mitspielern alles Schlechte in die Schuhe schiebt, ohne die Möglichkeit für jene, innerhalb der Familienzeit mit Pluspunkten aus dem Gefühlskeller zu klettern? Also beschloss ich zu verlieren, mit Absicht, aber nicht für immer.

Über dreißig Jahre später starte ich an einem Januarmorgen den Weg zur Arbeit. Wie immer ein bisschen spät, weil ich mir nicht merken kann, dass die Baustelle kurz vor dem Bahnhof die direkte Einflugschneise ewig noch versperrt. Vielleicht schaffe ich es trotzdem. Es ist Mittwoch, der 13. Ich haste die Treppen des Mehrfamilienhauses hinunter und falle beinahe über das schwarze Tier. Die Katze liegt im Weg. Nicht das erste Mal. Sie liegt überall rum, als wüsste sie nicht, wohin sie gehört. Ungeliebt oder aussortiert? Kurz vor der Haustür steht ein Allzweckkorb, in den Bücher, angeschlagene Tassen und Gläser und Werbezeitschriften ohne Umweg über den Briefkasten in den Abfall wandern. Direkt über der illegalen Hausmülldeponie prangt ein Schreiben der Hausverwaltung, das Aussortiertreiben zu unterlassen. In diesem Korb lag die Katze noch nie.

Mit dem ersten Schritt vor die Tür verlängert sich die benötigte Zeit zum Bahnhof blitzeismäßig. Es ist sauglatt! Glücklich am Büro angekommen, stelle ich fest, in der Eile die Einlasskarte vergessen zu haben. Überall nur geliehenen Zutritt zu haben, macht ziemlich unbeweglich. Noch dazu ist mir die Schlaufe meiner vorgeschriebenen Mund-Nasen-Bedeckung gerissen, was mir den Eintritt beim Bäcker erschwert. Nicht so schlimm, ich kann sowieso nichts kaufen, weil die Geldbörse auch zuhause geblieben ist, in der anderen Jacke.

Wieder zurück im häuslichen Treppenhaus, liegt die Katze auf der Fußmatte, quer drüber, und weiß nichts von ihrer Symbolkraft. Mir ist zwar nicht klar, wer die Karten verteilt hat, aber es sieht so aus, als blieben mir die Minuspunkte nicht erspart. Ich kann das Tier nicht in die Wohnung lassen, Katzenhaarallergie. Mit weitem Schwung gelange ich über das Tier hinweg in den rettenden Flur und streiche den Tag auf dem Kalender durch mit der Erkenntnis, der 13. muss nicht immer ein Freitag sein, und diese Katze ist wahrscheinlich ein Kater.

Wo kommt das her?

Das letzte Stück Weg zu meinem Bürojob könnte ich innerhalb fünf Minuten mit nur drei U-Bahnstationen zurücklegen. Doch nicht erst seit Corona laufe ich lieber zu Fuß. Berlins Mitte zeigt mir früh morgens, um kurz vor sechs, ein verschlafenes Gesicht. Die Stille auf dem Gendarmenmarkt hat etwas Weiches, irgendetwas zwischen Kissen und Federbett. Wo letzten Sommer jeden Nachmittag Touristengruppen, Hochzeitsgesellschaften, Studententreffen und Geschäftsbesprechungen durchgeführt, fotografiert und abgehalten wurden, sind nun Schatten und Schrittgeräusche meine einzigen Begleiter.

Umso erstaunter bemerke ich die festliche Beleuchtung ringsum. Jede Lampe ist in Dienst berufen. Die ansässigen fünf-Sterne-Hotels beherbergen kaum Gäste. Dennoch scheint der Anblick der Entrees ein wahres Fest im Innern zu versprechen. Die Bauzwillinge, der Französische und der Deutsche Dom strahlen golden um die Wette. Gewinner ist das Schauspielhaus dazwischen mit rotem Stimmungslicht, das jeden Sonnenaufgang verblassen lässt. Der Platz wirkt auf mich wie ein Christbaum nach dem Fest, dem die Lichterkette noch umhängt. Hier, im deutschen Herzen der EU, wird der Wahlspruch der Schotten (Lasst das Licht an, wir kommen zurück!) ernst genommen und für die eigene Krise benutzt.

Der Schneeregen macht das historische Pflaster noch einsamer. Andere eilige Seelen nehme ich nicht wahr, so tief ducke ich mich unter den Schirm. Den Blick nach unten gerichtet, husche ich durch ein paar Flocken, die so einzeln wie ich unterwegs sind. Es könnte glatt sein. Bloß nicht ausrutschen. Der Bruch im Handgelenk ist gerade am Verheilen, das Metall hält ihn noch zusammen.

Zwischen zwei grauen Steinen am Ende des Platzes schimmert es kupferfarben und rund. Ein eingesunkener Kronkorken vielleicht? Ich schubse das Blinken mit der Stiefelspitze, es hopst eine Ritze weiter. Ich bücke mich und halte ein fünf-Cent-Stück in den Fingern. Wo kommt das denn her? Schon lange sind die Geschäfte und Restaurants geschlossen. Seit Wochen flanieren hier keine Besucher, deren Geldbörsen locker genug sitzen, dass Bettler ihnen ein paar Münzen abluchsen könnten. Obdachlose habe ich ewig nicht gesehen. Verschwanden sie vor den Besuchern? Außerdem ist selbst in Bistros und Imbissbuden der Zahlungsverkehr auf bargeldlos umgestellt.

Mehr und mehr begreife ich unter diesen Umständen mein Glück, ein Centstück gefunden zu haben. Noch dazu ohne Tageslicht und bei miesem Wetter! Wieder fällt mir die Geschichte mit dem Glückscent ein, den man für den Nächsten „verlieren“ soll, damit dem Finder ein kleines Lächeln passiert. Ich stecke die fünf-Cent-Münze ein, einen Moment behalte ich sie noch.

Vorsicht – Sie schreibt!

Im Prozess der Anerkennung ihrer Tätigkeit als Autorinnen werden Frauen manchmal-oft-immer indirekt-direkt gefragt, warum sie schreiben. Ob Männer sich dazu genauso oft auslassen müssen, entzieht sich meiner Kenntnis. Vielleicht haben sie offensichtlichere Gründe. Vielleicht nimmt man selbstverständlich das Ergebnis ihres Schreibens als Anlass ihrer Aktivität an.

Aber eine Frau, warum schreibt sie? Wer ist sie? Wen oder was kann sie (dadurch) erreichen? Will sie etwa ein Mann sein und projiziert diesen Wunsch auf ihre Figuren, um auf diese Weise das fehlende Männliche in sich zu kompensieren? Manchmal stelle ich mir überrascht dieselbe Frage. Und bin damit nicht allein in der Welt der Schreibenden.

Neulich bekam ich ein Buch geschenkt über Schriftstellerinnen und ihr Schreiben.
Eine Autorin in dem Buch verrät, sie konnte ihre Protagonistin nicht leiden wegen ihrer „weiblichen Probleme“, sie „mochte sie nicht, weil sie schwach und abhängig war und sich las wie ein Opfer“.

Mit der weiblichen Hauptfigur meines Psychothrillers erging es mir ähnlich. Mein Roman ist ein Hybrid aus Täter- und Opferperspektiven. Beide Figuren, männlicher Täter und weibliches Opfer, sind Schöpfungen meines Geistes, plus natürlich das Begleitpersonal. Es sollte eine ausgewogene Sache werden. Nach ungefähr der Hälfte des Romans geriet ich jedoch ins Schleudern. Das (weibliche) Opfer kam in der Geschichte zu schlecht weg, während der (männliche) Täter mich mehr und mehr reizte.

Ich war drauf und dran, die weibliche Hauptfigur sterben zu lassen, weil sie mir nicht stark genug erschien, zu ergeben in ihr Schicksal. Probleser*innen meines unfertigen Stücks waren anderer Meinung. Sie hegten Sympathien für die Hauptfigur und bangten um ihr Überleben (übrigens nur die weiblichen Leser, die männlichen sahen eine interessante oder schlicht natürliche Wendung im Ableben der Figur). Um sie zu retten, gab ich ihr eine besondere Art, sich mitzuteilen und gleichzeitig für sich zu bleiben. Erst danach war ich einverstanden, mit ihr weiter zu arbeiten.

Seltsamerweise habe ich mich im gleichen Maße, wie sich meine Figur vor ihrer Umwelt verschloss, meiner Umwelt gegenüber geöffnet. Als hätte ich meine Person gespalten in eine männliche Schattierung, die ich der Hauptfigur gab und eine weibliche, die ich für mich behielt und ausbaute. Ich wurde weiblicher, je männlicher ich schrieb.

Nun, wo der letzte Punkt hinter das letzte Wort gesetzt ist, gehören sämtliche Figurenteile wieder mir. Ich frage mich, ob das in Bezug auf den männlichen Anteil gut oder schlecht ist, denn ich bin gerne Frau, und wo oder wie gut ich die, fast von selbst in die Geschichte fließende, Boshaftigkeit des Täters eingesperrt habe. …!

Zaubersterne

Das Fest der Heiligen Drei Könige ist vorbei. Zeit, sich vom Schmuck des Jahresendes zu verabschieden. Mit Bedacht! Und nicht, ohne mich zu bedanken.

Vor etlichen Jahren fuhr ich wegen des Weihnachtsfestes mit dem Zug zu meinen Eltern.
Ich weiß nicht mehr, ob der Zug voll oder leer war, ob wir pünktlich waren oder das Abteil überheizt war. Aber ich erinnere mich an den jungen Mann, der sich mir gegenübersetzte. Bis dahin hatte die Zugfahrt Interessantes vor allem jenseits der Fenster zu bieten. Nun änderte sich das.

Er sprach mich an, allein das überraschte mich, denn sicher habe ich mit einem Buch auf dem Schoß dagesessen und kein Interesse an einer Unterhaltung signalisiert. Völlig ungeübt in Konversation (Smalltalk war ein Fremdwort für mich), reagierte ich ausschließlich auf seine Fragen und Erzählungen. Er fragte und erzählte sehr viel. Irgendwann taute ich auf und verlor die Scheu. Die lange Zugfahrt nach Norden war nicht mehr nur einsames Warten, sie wurde zu einer Unterhaltung mit einem netten Bekannten.

Nein, das war nicht irgendwann, ich kann genau sagen, wie er es geschafft hat. Er fragte mich, ob ich gern bastele, was ich bejahte und zugleich einschränkte, kein besonderes Talent dafür zu besitzen. Daraufhin griff er in seinen Rucksack, legte eine Ansammlung quadratischer Notizzettel auf das Klapptischchen zwischen uns und sagte: Ich zeig dir was. Ist ganz einfach, das kannst du auch. Er begann, das Papier zu falten, drehte es einmal, zweimal, wieder zurück, kniffte und faltete wieder, zum Schluss zeigte er mir den flachen roten Papierstern auf seiner Handfläche.

Das kann ich niemals, raunte ich voll Bewunderung. Er ließ das natürlich nicht gelten, reichte mir einen gelben Zettel, nahm sich ein lilafarbenes Papierstück und leitete mich an, es ihm nachzutun. Zuerst die Diagonalecken übereinander, die Diagonale falten, aufblättern und mit der anderen Seite wiederholen für vier rechte Winkel im Quadrat. Das Blatt umdrehen, dort irgendwas falten, irgendwann das gefaltete Papier nicht nur kniffen, sondern tatsächlich übereinander lassen, an den anderen Ecken wiederholen, Umdrehen … ich habe die einzelnen Schritte schnell wieder vergessen.

Wie kann man solche Schwierigkeiten haben, sich zu merken, wie aus einem Merkzettel ein Papierstern wird? Sowieso sah mein gelbes Exemplar nicht halb so nach Faltkunst aus, wie sein lilafarbenes. Er schob die beiden perfekten zu mir und steckte meinen gelben Faltversuch in seine Tasche. Du kannst die beiden mitnehmen, sagte er. Wenn du sie auseinanderfaltest, kannst du anhand der Kniffe und Falten nachschauen, wie man es macht.

Die zwei Papiersterne sind in eine Kiste in meinem Wohnzimmerschrank gezogen, wo sie Jahr für Jahr darauf warten, in der Adventszeit ausgepackt zu werden und den gebastelten Anteil meiner ansonsten gekauften Weihnachtsdeko erhöhen. Vielleicht sind zwei Sterne ein bisschen wenig, ich sollte welche nachbauen. Aber ich habe nie nachgeschaut, wie es geht. Ich habe sie nie auseinandergefaltet, aus Angst, die ihnen innewohnende Magie zu verscheuchen oder aufzubrauchen. Nicht wie Aschenbrödel, die alle drei Zaubernüsse verbraucht. Immer, wenn sie die letzte Nuss einsetzt, trauere ich, weil keine Magie übrig bleibt. Aber sie bekommt ja am Ende ihren Prinzen.

Ich finde es schön, mir den Glauben an Magie zu bewahren. Dennoch ist mir bewusst, dass die Papiersterne ihren Zauber nur zu Weihnachten verbreiten und mir kein Kleid, keine Tanzschuhe und keine Armbrust bescheren. Ihre Magie ist anders. Sie halten die Erinnerung an diese besondere, gar nicht einsame Zugfahrt zum Weihnachtsfest bei meinen Eltern wach.

Manchmal frage ich mich, was aus dem gelben Stern geworden ist.

Sie schreibt – Zielpublikum

Neulich sagte ich zu meinem Kind (volljähriges Pubertier = Zielpublikum meiner Ansprache): Zieh dir eine warme Jacke an (impliziert, wir haben Winter) und bring den Müll runter. Bitte! – Die sofortige Antwort lautete: Ich will keine Jacke anziehen!
Der Mülleimer war kurz darauf wie von Zauberhand geleert.

Die Frage nach dem Zielpublikum führt mich immer zur Frage, warum ich schreibe.
Wenn ich mit dem Schreiben ausschließlich mich selbst verwirklichen möchte, warum soll ich mich im Thema, im Stil und in der Form nach den Wünschen und Vorstellungen einer mir persönlich größtenteils unbekannten Gruppe richten, mich beschränken oder mir sogar diktieren lassen? Das gilt erst recht, wenn ich nicht für mich schreibe, sondern Anderen etwas zu sagen habe. Was ist denn, wenn die Zielgruppe bemerkt, dass ich sie mit meinem Text für etwas Bestimmtes, gerade dieses, mein Geschreibe, interessieren möchte?

Es gibt einen Grund, warum Kinder- und Jugendliteratur so kompliziert zu vermarkten ist. Kinder sind oft Widerspruchsgeister. Sie baden in dem Wissen, in dem Können, alles abzulehnen und anders zu machen (siehe oben) als ihnen (vorsichtig ausgedrückt) empfohlen wird. Mein Kind ist König dieser Willensbrecher. Er merkt und wittert überall Manipulation. Wie will ich denn herausfinden, was meine Zielgruppe (Kinder und Jugendliche) will, wenn sie es selbst (noch) nicht weiß, außer eben, was sie nicht will?

Es gibt sicher genug Erwachsene (in der Zielgruppe Erwachsene), die sich ihren kindlichen Widerspruchsgeist bewahrt haben und sagen: Nicht dein Vorschlag, nicht dein Angebot, sondern meine Idee macht mich glücklich. Manchmal handelt es sich dabei um ein und dasselbe, aber es können Jahre zwischen der Erkenntnis liegen und der kategorischen Ablehnung davor.

Deshalb nehme ich mir das Recht heraus zu schreiben, was und wie ich will, um mich nicht zu verbiegen, um ehrlich zu mir selbst und meinem widerspenstigen Publikum zu sein.

Sie schreibt – Aufbruchstimmung

Ich lebe in einer Mietwohnung in einem großen Mehrfamilienhaus. Vorderhaus, Seitenflügel und Hinterhaus. Es ist eine schöne Wohnung nach vorne raus. Mit optimaler Aufteilung für eine vierköpfige Familie, Fenstern in allen Räumen, außer in der Abstellkammer, die ja kein Fenster braucht, dafür beherbergt sie ein zweites WC mit Abluftsystem.

Die Kinder wuchsen in dieser Wohnung auf, wechselten in die Kita, in die Schule, ans Gymnasium, ins Studium. In all diesen Jahren wechselten auch etliche Bewohner des Hauses. Die, die mit uns eingezogen sind, zogen aus, später zogen die Nachmieter aus. Ich sah die Umzugswagen vor dem Wohnzimmerfenster auf der Straße, beobachtete die Möbelpacker vom Küchenfenster aus im Innenhof, hörte die Helfer im Treppenhaus und Wehmut überfiel mich. Wohin zogen diese Menschen? Manchmal Bekannte, andere hatte ich nie gesprochen. Wieso zogen sie weg? Hatten sie eine bessere Bleibe für sich gefunden? Hatten ihre Lebensumstände sich geändert? Meistens wusste ich es nicht und würde es nie erfahren. Jedes Mal verglich ich sie mit meinem Leben, bewertete meine Wohnung und stellte fest, wie toll sie ist.

Dennoch ergriff die Sehnsucht nach Erneuerung zuverlässig Besitz von mir. Aufbruchstimmung machte sich breit. Erst seitdem ich schreibe, mit dem Erschaffen anderer Welten und Realitäten, wurde es leichter zu ertragen, dass andere fortzogen, während ich blieb.

Ich mag meine Wohnung. Sehr. Aber die Abenteuer wohnen woanders.

Kein Jahresrückblick 2020

Dieses Jahr ist wie ein abwesender Liebhaber: sein verlockendes Deo schwebt in der Luft, aber er ist nicht da und die Wiederholung der tollen Tage nicht in greifbarer Nähe.

Manchmal habe ich das Gefühl, alle guten Sprüche sind schon gesagt, alle guten Geschichten schon erzählt. Ich kann sie nur noch neu interpretieren. Bei manchen Tagen, Wochen und Monaten des Jahres kommt es mir genauso vor. Es hat sie alle schon zigmal gegeben und es gilt, die bestmöglichste Auslegung zu finden.

Der vorletzte Tag der vorletzten Woche dieses Jahres beginnt spät und grau. Beim ersten hellen Lichtzipfel zieht es mich nach draußen. Ich könnte, statt wieder (und wieder) um den nahen See zu wandern, am Schreibtisch über dieses komische Jahr nachdenken. Ach Gott, nein, zurückschauen ist nichts für mich. Das ist, wie rückwärts um den See zu laufen, nachdem ich endlich alle Stolperfallen im Vorwärtsgang umrunde und meine Aufmerksamkeit auf die Glückseligkeiten im Verborgenen richten kann. Ich weiß, unter welchen Bäumen am Ostufer die Schneeglöckchen blühen, an welcher Stelle auf der Nordseite der Weg immer rutschig ist und in welchen Schilfecken die Entenmamas ihre Küken verstecken. Ich weiß, wo die Schatten im Sommer am dichtesten und im Herbst am längsten sind. Ich habe beobachtet, welche Bäume gefällt, zerlegt und von Kaminbesitzern weggetragen und welche für den nächsten Schnitt markiert wurden.

Jahreswechsel in den Wechseljahren. Kein Wunder, die vergangenen Monate sind wie ein Hin und Her zwischen Noch-nicht und Nicht-mehr. Jenseits der Vierzig sieht und hört man nicht mehr richtig gut, aber noch nicht so schlecht, Hinweise auf das Altern zu übersehen und überhören zu können. Einerseits ist es noch nicht Menopause, weit davon entfernt ist es aber nicht mehr. Kinder im Haushalt, die noch nicht selbstständig sind, aber nicht mehr willens, sich ins Leben reden zu lassen. 18- und über 20jährige, von denen es nur noch abgewehrte Schnappschüsse und fremd wirkende Bewerbungsfotos gibt, weil sie der elterlichen Dokumentation ihrer Lebensereignisse aus dem Weg gehen.

Ich habe mir angewöhnt, den Fotoapparat überallhin mitzunehmen. Landschaftsaufnahmen im Zwielicht, Stillleben der Natur oder Besonderheiten und Absurditäten menschlichen Wirkens in der Sekunde konserviert, in der ich sie erlebe. Ändert sich meine Einstellung bei einer späteren Betrachtung?
War es richtig, die 16:8- Diät auszuprobieren? Das Gewicht scheint sich lediglich verschoben zu haben, vom Frühjahr in den Herbst. War es leichter, noch nicht zu essen, bis die Start gebende Stunde am Vormittag erreicht war oder schwieriger, schon ab dem Nachmittag nicht mehr an den Kühlschrank zu pendeln? Es fühlte sich jedenfalls besser an, das Angenehme noch vor sich zu haben.

Das Licht des späten Vormittags fällt durch die leeren Äste der Laubbäume auf das blauschwarz glänzende Band des neuen Uferweges. Nur wenige Andere sind mit mir unterwegs. Viele haben mit dem Ausweiten des Homeoffice verlernt, hinaus zu gehen. Ein Grund, weshalb ich Homeoffice für mich bisher abgelehnt habe. Zweien von drei in unserem Haushalt lässt man inzwischen keine Wahl. Möglicherweise verwandelt sich mein „noch nicht“ jetzt für mich in „nicht mehr“, wie wenn ich die unreifen grünen Bananen zu lange liegen lasse, bis sie braunfleckig und ungenießbar geworden sind. In diesem Jahr lerne ich den Unterschied zwischen Freizeit und Freiheit mit dem Gelingen oder Scheitern jeder selbst bestimmten Aktion.

In Bezug auf meinen Urlaub bewies ich besseres Planungsglück. Meine Erholungszeit an der Ostsee fand statt, als die meist diskutierten Zahlen nicht mehr die erste Welle bedeuteten und noch nicht die zweite. Wer öfter am Meeresstrand steht, weiß, dass nach der ersten immer eine zweite und dritte Welle den Schaum und die Quallen, das Seegras und Treibholz anspült. Ab und an sogar Bernstein. Ich habe noch nie Bernstein gefunden, aber ich schaue jedes Mal voller Hoffnung auf das Glitzern vor meinen Füßen.

Der See vor mir schwappt mit winzigen Wellen ans Ufer. Zu kalt, um darin baden zu wollen. Im Sommer war ich versucht, die Qualität des Wassers auszuprobieren, nun hat es seine Anziehungskraft verloren. Auch das alte Jahr zieht nicht mehr an mir, wohin gegen das neue mich noch nicht reizt. Weil ich losgelassen, aber nichts angepackt habe. Ich arbeite nicht mehr an meinem alten Projekt, bin aber im neuen noch nicht richtig angekommen. Gerade merke ich, für meine Projekte bin ich der unstete Liebhaber. Und wenn ich wählen kann, entscheide ich mich lieber für das neue, denn in Sachen Sex ist, „noch nicht“ besser als „nicht mehr“ damit beschäftigt zu sein und unbeachtet liegen gelassen zu werden.

Rings um mich erstarrte Landschaft, plötzlich bewegt sich neben mir etwas, klein und flink, schnelle Farbe, grün-schwarz-gelb. Ich suche den Vogel, der munter von Zweig zu Zweig federt, immer höher hinauf. Da, ich glaube ihn gefunden zu haben, aber es ist nur ein Blatt, das mich narrt. Ich lasse den Fotoapparat sinken, kein Bild von einem Vöglein. Viele Federträger haben in den vergangenen Wochen und Monaten Platz genommen für ein Portrait, Kormorane auf Wachposten mitten im See, Enten im schattigen Mittagsschlaf, ein Schwanenpaar mit verliebten Hälsen. Und nun, nur ein graugrünes Blatt. Trotz in der Hand hebt die Fotolinse an den Strauch, Neugier in den Fingern löst das Foto aus.

Im Laufe des letzten Jahres sind viele Fotos auf den Speicherchip gebannt worden. Sie sind lange nicht mehr so unkonzentriert und ziellos wie am Anfang, wo das Probieren mehr zählte als das Ergebnis, aber natürlich sind sie auch lange noch nicht so professionell, dass das Ergebnis mehr zählen könnte als das Probieren. Eine Fotodokumentation durch die Spaziergänge des Jahres ist es allemal.

Inzwischen ist das Sonnenlicht von kriechendem Nebel gefangen. Kein Licht, keine bunten Farben, keine Überraschung. Ein schattendunkles Blatt vor eisgrauer Seekulisse, aber geformt wie ein Herz. Wind kommt auf, pustet mir kalt an den Hals, umspielt mein Gesicht und fingert nach dem trockenen Blattstiel. Ich sehe nicht hin, will kein Zeuge sein, wie das Herzblatt fällt.

Nicht mehr lange, dann schlage ich ein neues Bild in einem neuen Kalender auf. Immer noch neugierig auf die Überraschungen, die dann wie Bernstein zwischen Quallen und Seegras vor meinen Füßen landen und neue Herzblätter an den Zweigen sprießen lassen.

Kann das weg (oder wird das noch gebraucht)?

Morgens um sieben im Bad. Es ist Sonntag. Radio an. Fröhliche Rhythmen antworten dem Einschalten. Irgendein Song, der mich sofort mitreißt. Ich kenne ihn und doch fühlt er sich frisch und neu an. Ich krame in meinem Gedächtnis nach dem Titel. Dabei wird mir klar, es ist Popmusik!
Vier Wochen lang spielte der Radiosender ausschließlich Weihnachtshits. Ab heute zucken die Muskeln nicht mehr mit dem Klang von Schlittenschellen und Kirchenglocken, ab heute schluchzt das Herz nicht mehr im Walzertakt nach weißer Weihnacht und Wünschen fürs Fest. Ich drehe mich wild in den Flur durch die Wohnung. Die Popmusik folgt mir, schwebt durch die Räume und verschleiert die Kerzengestecke. In Sekundenschnelle wirkt das Tannengrün trocken und alt. Es hat seinen Zweck erfüllt. Dann kann es jetzt auf den Kompost. Oder nicht?
Als ich klein war, trauerte ich der Entsorgung des Christbaums mit jeder rieselnden Nadel entgegen. Nein, noch nicht, kniete ich mich schützend vor das geschmückte Holz. Längstens bis zum 06.01., hieß es, wobei mir die Ankunft der Heiligen drei Könige oder das russische Jolka-Fest genauso fern waren wie die übrigen kirchlichen Gebräuche und unsere russischen Freunde. Doch schon als Kind lieben wir die Zugabe von Dingen, die uns guttun. Selbst als Erwachsene bitten wir um die Verlängerung von Nächstenliebe, Freigiebigkeit, Toleranz und Hoffnung. Und langsam dahinfließender Zeit.
So viele Einladungen wie dieses Jahr haben mich noch nie erreicht. Noch nie wollte ich sie alle annehmen. Meine Eltern, meine Freunde*, meine Kollegen* (beruflich und im Freizeitbereich), Veranstaltungen im Museum, im Theater, in der Kunstgalerie und im Radio, als Mitwirkende oder im Publikum – alles online. Alles gleichzeitig?
Zeit ist nicht vermehrbar. Sie jetzt mit Aufräumen des vergangenen Festes zu verbringen, statt die vielen übrigen Einladungen in meine wachen Stunden zu sortieren, kommt mir verrückt vor. Mag das Tannengrün schon grau sein, lass es rieseln, sag ich mir. Wenigstens bis zum 06.01.

Schreibreise Zinnowitz 13.-16. August 2020

Klosterkirche Krummin
Dieselbe Prozedur wie jedes Jahr. Schreibreise. Ausflug mit der Gruppe. Aufgabe: Schaut euch um, macht eine Geschichte daraus.

Ausflug nach Krummin

3-Satz-Geschichte zum Einstimmen aus dem Inneren der Klosterkirche
Das Efeu presst sich von außen ans Glas, wie Butzenscheiben sieht es aus, in flaschengrün. Bäume ringsum, kein Himmelsblick, kein Beichtstuhl. Na dann, Prost, denkt Walter und hebt das Klosterpils an die Lippen.

Die ¾-Stunden-Geschichte nach Besichtigung des alten Klosters und des Hafens
Westwind! Der Rabe über ihr krächzte. Einmal, zweimal. Celia suchte den vorlauten Verräter im Pappelgeäst, doch sein Versteck zwischen den schimmernden Blättern war zu gut. Anders als ihres. Frontal peitschte der Wind ihr ins Gesicht, riss an ihren roten Locken und zerrte an den langen Stoffbahnen ihrer Nonnenuniform. Die roten Locken bildete Celia sich nur ein, natürlich hatte sie millimeterkurzes Haar wie alle Novizen des Klosters, aber die Nonnenuniform hing wirklich an ihr herunter wie ein Zelt. Celia reckte die Faust gegen den Wind, die Kordel in ihrer Hand schlug ihr gegen die Knie. Westwind. Immer und immer wieder.
„Mach dir nichts draus“, sagte Nino und hob die Hand, um ihren Arm zu tätscheln.
Wütend zog Celia die Kordel um die Taille fest. „Mach dir nichts draus! Wie denkst du dir das?! Natürlich macht es was! Mit Westwind klappt es nicht. Er drückt uns immer zurück an dieses Ufer. Kann nicht einmal im Sommer der Ostwind so blasen wie dieser Sturm?“
„Aber vielleicht kann ich uns doch ein Boot von den Fischern stehlen“, warf Nino ein. “Das ist allemal besser als ein Floß mit einem Stock, an dem dein Nonnenkleid den Wind fängt.“
„Vorher müssen wir aber den Vogel erlegen“, sagte Celia und bückte sich nach einem großen Stein. „Der alarmiert die Wache sonst, wie die letzten Male.“ Celia drehte sich nach der Silberpappel um , sie hörte den Raben, sah ihn aber nicht.
Plopp, der Stein versank hinter ihr im Achterwasser. Beim Schwungholen war er ihr rückwärts aus der Hand gerutscht.
„Ich glaube nicht, dass wir je hier wegkommen, mit oder ohne Boot und ohne Ostwind. Aber Boruslaw bekommt mich nicht zur Frau. Eher gehe ich ins Wasser.“ Wieder krächzte der Rabe.